Honduras |

Stadt hinter Mauern

Als sich im Mai 2008 das schwere Metalltor hinter ihr schloss, brach für Doris Brito eine Welt zusammen. Zurück blieben ihre zwei Kinder und der Mann, die in den USA auf sie warteten, ihr neu gekauftes Haus, das noch abbezahlt werden musste und für das sie das Risiko auf sich genommen hatte, ein Dutzend Flüchtlinge mit gefälschten Visa in die USA zu bringen. Der Schwindel war noch am Flughafen von San Pedro Sula aufgeflogen. Vor ihr lagen zweieinhalb Jahre in einer der laut Menschenrechtsorganisationen schlimmsten Gefängnisse Lateinamerikas. Angelegt für 500, sind dort derzeit über 2000 Häftlinge untergebracht.

Schlafplatz muss gekauft werden

Hinter den Mauern ist der Staat nicht mehr präsent. Die Häftlinge haben sich ihre eigene Welt aufgebaut, beengt und prekär zwar, doch bestens organisiert: Frisörsalons, Disko, Fitnessstudio, Süßigkeitenstände, Billiard-Lokale, Bars, die neben Alkohol auch Waffen, Handys und Drogen vertreiben. Doch weil das meiste davon eigentlich verboten ist, müssen die Häftlinge die Wächter bestechen, um die Waren durch die Kontrolle zu bekommen. Entsprechend hoch sind die Preise, die sie dann den übrigen Insassen dafür abknöpfen. Wer kein Geld hat, kann sich nicht mal einen Schlafplatz in einem der stickigen, völlig überfüllten Schlafsäle kaufen und ist auf das offizielle Gefängnisessen angewiesen: Reis und Bohnen, zweimal am Tag. Doch nicht einmal die Teller stellt die Gefängnisleitung, geschweige denn Tische und Stühle. Zehn Lempiras (umgerechnet 50 Dollarcents) darf ein Häftling pro Tag kosten, mehr ist im Staatshaushalt nicht vorgesehen.

„Unter Schock“

“Ich stand die ersten Tage unter Schock, weinte nur und redete kaum”, erinnert sich Doris. Drei Wochen saß sie in einer Strafzelle drei mal ein Meter, ohne Licht, mit einer Matratze auf dem Boden und mit einem Plumpsklo in der Ecke. Doris hatte in einem der privaten Restaurants gegessen und nicht genügend Geld dabei. Regeln, die von den Capos der Gefangenen aufgestellt und drastisch durchgesetzt werden.

Gefängnispastoral als „Oase“

Doris geht es besser, seit sie Angebote der Gefängnispastoral nutzt. Der Bereich der Pastoral befindet sich in einem abgeschirmten Hof, dort gibt es Bänke unter schattenspendenden Bäumen, drum herum gruppieren sich kleine Pavillons mit einer Bibliothek, einer Kapelle und Lehrsälen. Für Doris ist es eine “Oase”. Die ohrenbetäubende Reggae-Musik aus dem Haupttrakt dringt kaum bis hierher vor. In der Bibliothek können die Häftlinge lesen; es gibt Musik- und Englischkurse, Rechtsberatung, die Möglichkeit, den Schulabschluss nachzuholen oder handwerkliche Kurse zu besuchen. Von Deutschland aus unterstützt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt das Bildungsangebot.

Handwerk ermöglicht kleines Gehalt


“Hier habe ich was zu tun und kann entspannen”, sagt Doris, die ihr handwerkliches Geschick entdeckte und Kerzen und Souvenirs fertigt. Für jeden Artikel, den die Kirche verkauft, bekommt die 40-Jährige ein kleines Gehalt. Fünf Lempiras monatlich werden außerdem zur Seite gelegt, damit sie nach der Entlassung ein kleines Startkapital hat. “Der Staat hat uns aufgegeben, aber die Kirche nicht”, sagt der freiwillige „Schuldirektor“ Ramón López. Er verbringt den ganzen Tag mit Unterrichten und Organisieren, um sich “nützlich zu fühlen”. “20 Prozent der Häftlinge sind Analphabeten”, schildert der wegen Entführung angeklagte Pädagoge. Ihm ist es sehr wichtig, das Bildungsniveau seiner Mitgefangenen zu verbessern. “Denn wer denkt, handelt anders und kann wieder auf den richtigen Weg zurückfinden.”

Autorin: Sandra Weiss