Chile |

Staatstrauer und Furcht vor Wintereinbruch

Puebla. Während in Chile eine Woche nach dem schweren Erdbeben die Aufräumarbeiten noch in vollem Gange sind und die Regierung eine dreitägige Staatstrauer verhängt hat, haben sich deutsche Reisende über die mangelnde Hilfe der Botschaft beklagt. „ Uns hat das Beben am Samstag voriger Woche in der Hauptstadt Santiago überrascht“, schilderte die Lehrerin Birgit Bettin einer Zeitung. Bettin arbeitet in Paraguay an der deutschen Schule und war mit Kollegen unterwegs. „Wir rannten auf die Straße und eine Kollegin bekam Herzrasen und Panikattacken, so dass wir beschlossen, sofort das Land zu verlassen.“ Doch der Flughafen war geschlossen, die chilenische Fluglinie LAN, mit der sie eigentlich den Rückflug gebucht hatten, konnte die gestrandeten Reisenden ebenfalls nur vage vertrösten.

„Da wandten wir uns an die Botschaft in Santiago, weil es ja heißt, dass die sich in Notfällen für ihre Landsleute einsetzt“, sagte Bettin. Doch die habe nur mitgeteilt, sie könne nichts weiter machen, und die Deutschen sollten sich mit ihrer Fluggesellschaft in Verbindung setzen – genau der Text, der auch auf der Internetseite der Botschaft zu lesen ist. Eigenständig fanden die deutschen Urlauber dann heraus, dass es auch eine Busverbindung nach Paraguay gab und ergatterten Tickets. An Bord trafen sie eine Gruppe Paraguayer, denen ihre Botschaft die Tickets gebucht und sie per Taxi zum Terminal gebracht hatte. Argentinien charterte gar drei Busse für gestrandete Landsleute, die mexikanische Regierung buchte für mehr als 100 Landsleute Flüge, als der Flughafen von Santiago wieder öffnete. Die mexikanischen Evakuierten wurden in Mexiko-Stadt mit großem Bahnhof von Diplomaten und der Presse empfangen. „Das sind alles Länder, die viel weniger Steuergelder zur Verfügung haben als Deutschland. Wir sind sehr betroffen, dass uns die Botschaft alleingelassen hat“, so Bettin. Die Botschaft reagierte zunächst nicht auf eine Stellungnahme gegenüber der Zeitung.

In Chile wehten unterdessen die Fahnen auf Halbmast, nachdem die Regierung eine dreitägige Staatstrauer angeordnet hatte. Teilweise heftige Nachbeben erschütterten auch neun Tage nach dem Unglück das Land. Im Süden Chiles, wo das Epizentrum gelegen hatte, gingen die Aufräumarbeiten weiter. Noch nicht überall waren Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt. 497 Leichen seien inzwischen identifiziert, sagte Innenminister Edmundo Pérez Yoma. Doch viele Menschen wurden noch vermisst. Tragischer als das Beben hatte sich der anschließende Tsunami erwiesen, vor dem die Behörden nicht rechtzeitig gewarnt hatten, und der ganze Küstenstreifen verwüstete. „Es ist unfassbar, dass Chile zwar modernste Jagdflugzeuge und Panzer hat, aber nicht ausreichend Satellitentelefone für Notfälle“, kritisierte der Politologe Santiago Escobar gegenüber der Nachrichtenagentur efe. Für Kritik hatte auch die träge Reaktion der Regierung und der Streitkräfte gesorgt, was Plünderungen und Proteste zur Folge hatte. Die Regierung, die darauf mit einer Ausgangssperre und dem Entsenden der Armee reagiert hatte, erließ am Wochenende eine Amnestie für Plünderer, die die gestohlenen Gegenstände zurückgeben. Daraufhin wurden auf den Straßen Tausende von Kühlschränken, öfen, Herden und Matratzen abgestellt.

Kompliziert wurde die Lage für die zwei Millionen Opfer durch den hereinbrechenden Winter. Am Sonntag und Montag regnete es. Im windigen, südchilenischen Winter fällt gewöhnlich viel Niederschlag, die Temperaturen sinken auf den Gefrierpunkt. Die Regierung hat zwar 5000 Zelte ins Erdbebengebiet geschickt, doch das Beben hat rund eine halbe Million Häuser zerstört. Die Obdachlosen begannen schon eigenständig mit dem Bau von provisorischen Hütten aus Holz, Wellblech und Dachziegeln. „Wir können nicht auf die Hilfe der Regierung warten, wir haben große Angst vor dem Wintereinbruch“, sagte die Hausfrau Ana Silva aus dem Fischerdorf Dichato. Ärzte des staatlichen Gesundheitsdienstes begannen indes eine Impfkampagne gegen Hepatitis angesichts der prekären hygienischen Lage im Katastrophengebiet.

Am Donnerstag findet in Chile außerdem ein Machtwechsel statt: die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet übergibt die Stafette an den Unternehmer Sebastián Piñera, der im Januar die Wahlen gewonnen hatte. Das Katastrophenmanagement wird den ersten rechten Präsidenten seit dem Ende der Militärdiktatur gleich zu Beginn auf eine harte Probe stellen. Das Beben hat in dem wirtschaftlich aufstrebenden südamerikanischen Land alleine an der Infrastruktur 1,2 Milliarden Dollar Schäden angerichtet. Der Wiederaufbau wird Schätzungen zufolge die kompletten vier Jahre von Piñeras Amtszeit dauern.

Autorin: Sandra Weiss