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Staatliches Sendeverbot zähmt Reggae-Texte

In jamaikanischen Reggae‐Songs ging es früher meist um Waffen, Sex und Gewalt. Seit anderthalb Jahren dürfen die Radiosender des Karibikstaates jedoch keine Lieder mit aggressiven und anzüglichen Texten mehr spielen. Was seitdem geschehen ist, hat viele überrascht: Die einstige ´Mördermusik´ predigt nun Liebe, Harmonie und Rechtschaffenheit. Geblieben ist der mitreißende Rhythmus.

Ausgelöst wurde die erstaunliche Wende nicht nur durch das Verbot der staatlichen Rundfunkkommission, die im Februar selbst diejenigen Musikstücke aus dem Äther verbannte, die bereits durch eingeblendete ´Beeps´ zensiert worden waren.

Auch aus den USA, dem wichtigsten Markt für Reggae‐Livekünstler, kam scharfer Gegenwind. In Jamaika kontrolliert die Polizei zudem streng, ob sich Konzertveranstalter an das Gesetz zum Lärmschutz halten. Manche Veranstalter schreiben den Künstlern mittlerweile auch vertraglich vor, zotige Texte und Diskriminierungen gegen gesellschaftliche Randgruppen wie Schwule zu unterlassen.

„Stars werden verantwortlich gemacht“

Während die neuen Regelungen von einigen Jamaikanern begrüßt wurden, sparten andere nicht mit Kritik. Sie machen das Verbot dafür verantwortlich, dass prominente Künstler angegriffen wurden, keine Visa mehr bekamen und auf Konzerte im Ausland verzichten mussten. Im Mai wurde der bekannte Musiker O´Neill Edwards von der Reggae‐Gruppe ´Voicemail´ Opfer eines Mordanschlags. Einen Tag später wurde Ewart Brown alias ´Mad Cobra´ von mehreren Kugeln getroffen und schwer verletzt. Seine Kollegen reagierten schockiert. "Die Leute machen uns Stars dafür verantwortlich", sagte der Künstler Clifford ´Mr. Vegas´ Smith bei der Totenwache für Edwards. "Deshalb können wir nicht so weitermachen wie bisher."

Spiegelung des sozialen Bewusstseins

Seit seinen Anfängen in den späten sechziger Jahren hat Reggae das soziale Bewusstsein der armen Bevölkerung in den Städten widergespiegelt. In den vergangenen 20 Jahren wurde der Musikstil jedoch immer aggressiver. Die provozierenden und oftmals sexistischen Texte haben daher zunehmend Schwulenverbände und religiöse Gruppen auf die Barrikaden gebracht. Dem Reggae wurde schließlich nachgesagt, der Gesellschaft zu schaden und die Mordrate im Land in die Höhe zu treiben. Homosexuelle sprachen von ´Mördermusik´, weil in den Songs unverhohlen zur Gewalt gegen Schwule aufgerufen wurde. Die Kampagne gegen schwulen‐feindliche Texte führte dazu, dass mehrere Reggae‐Konzerte in Großbritannien und in den USA abgesagt wurden. In anderen Ländern Europas, in der Karibik und in Japan gewann die Musik allerdings viele neue Fans.

Erinnerung an die Frühzeit des Reggae

Momentan erinnern die entschärften Songtexte wieder an die Frühzeiten des Reggae und an den legendären Bob Marley, der sich für sozialen Zusammenhalt und Frieden engagiert hatte. Donna Marquis Hope von der ´University of the West Indies´ ist der Meinung, dass auch das Tauziehen der jamaikanischen und der US‐Behörden um die Auslieferung des mutmaßlichen Drogenbosses Christopher ´Dudus´ Coke die weitere Entwicklung des Reggae beeinflusst hat. Anhänger des Reggae‐Musikers lieferten sich im Mai in der Hauptstadt Kingston blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Bevor Coke im Juni schließlich festgenommen und an Washington überstellt wurde, hatten die USA mehreren bekannten jamaikanischen Musikern wie Moses ´Beenie Man´ Davis, Rodney ´Bounty Killer´ Price und Aidonia alias Sheldon Lawrence die Einreisevisa entzogen.

Sendeverbot für bedenkliche Reggae-Musik

Das kalifornische ´Seabreeze Festival´ wurde im Juli verschoben, weil die Veranstalter unsicher waren, ob alle angekündigten Künstler tatsächlich auftreten könnten. Branchenkreise zufolge haben solche Absagen die jamaikanischen Reggae‐Musiker besonders hart getroffen. Die Auftritte in den USA machen schließlich zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Live‐ Konzerte der Reggae‐Stars aus. 2009 hatte sich die Lage bereits dadurch verschärft, dass mehrere andere karibische Staaten eigene Sendeverbote für bedenkliche Reggae‐Musik erließen. Länder wie Grenada, Barbados, Guyana und St. Lucia weigerten sich, Musikern Arbeitsgenehmigungen zu gewähren.

"Genug ist genug", erklärte im März der Bildungsminister von Barbados, Ronald Jones, nachdem er den jamaikanischen Künstlern Adijah Palmer und ´Mavado´ Brooks Auftritte auf der Insel verboten hatte. Jones sagte, er sehe einen klaren Zusammenhang zwischen der Reggae‐Musik und dem zunehmend aggressiven Verhalten junger Leute in Barbados.

Autorin: Zadie Neufville, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, in: IPS-Weltblick