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Spannungen im Chocó spitzen sich zu

In der Region Bojayá in Kolumbien spitzt sich die Bedrohung der Bevölkerung durch illegale Banden zu. Das Militär will nun mehr Präsenz in dem Gebiet zeigen. Der prominente Friedensaktivist Leyner Palacios erhält Morddrohungen.

(Symbolbild) Polizisten in dem Dorf Nueva Bellavista, Bojayá, Chocó. Foto: Philipp Lichterbeck/ Adveniat 

Terror durch Paramilitärs und Guerilla im Departement Chocó im Nordwesten Kolumbiens: Aufgrund der angespannten Sicherheitslage will die Regierung Kolumbiens die Militärpräsenz in der Region Bojayá nahe dem Pazifischen Ozean permanent verstärken, um die Zivilbevölkerung vor Angriffen von illegalen Gruppen zu schützen. Angaben des kolumbianischen Militärs zufolge wurden bereits 70 Einsatzkräfte in die Region verlegt.  

Präsident Duque sagte in einem Radiointerview  vor einer Woche mit dem Sender RCN: "Wir hoffen, heute die öffentliche Sicherheit stärken zu können, damit die Anwohner in dieser von der Gewalt erschütterten Region in Ruhe leben können.“ Der oberste Kommandant der kolumbianischen Streitkräfte, Luis Navarro, kündigte an, neben dem Einsatz von mehr Truppen auch den Drogenhandel stärker bekämpfen zu wollen.

Paramilitärs und Guerilleros

Denn der Grund für die verstärkte Bedrohung in der Region ist ein mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt zwischen paramilitärischen Gruppen und der Guerillaorganisation ELN. Die Akteure kämpfen in der Region Bojayá um wichtige Transportwege für den Handel mit Drogen, wie das US-Nachrichtennetzwerk CNN meldet. Immer häufiger gerät jedoch die Zivilbevölkerung des Chocó zwischen die Fronten.  

Erst am 31. Dezember, einige Stunden vor dem Jahreswechsel, haben bewaffnete Mitglieder des paramilitärischen Verbunds AGC, dem sogenannten "Clan del Golfo", eine Dorfgemeinde  bedroht und Bewohner daran gehindert, ihre Häuser zu verlassen. Der frühere Gouverneur des Chocó José Murillo sagte gegenüber dem kolumbianischen Nachrichtenmagazin "Semana": "In dem Ort hat die Gruppe (AGC an. d. Red) fast 600 Einwohnern verboten, sich zwischen den verschiedenen Gemeinden hin- und herzubewegen oder Telefone zu nutzen." Er gehe davon aus, dass der Konflikt zwischen Paramilitärs und Guerilla eskalieren könnte, wodurch auch die Zivilbevölkerung in Gefahr geriete. Laut Aussagen der Nichtregierungsorganisation für Frieden und Gerechtigkeit CIJP, die im Chocó präsent ist, haben etwa 30 paramilitärische Kämpfer das Gebiet attackiert.

Drohungen gegen Friedensaktivist Leyner Palacios 

Im Zuge des Konflikts geriet auch ein prominenter Friedensaktivist verschärft ins Visier der bewaffneten Gruppen: Leyner Palacios, der Mitbegründer und Generalsekretär der  „Interethnischen Wahrheitskommission in der Pazifikregion“ (CIVP), die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Er erhielt kürzlich Morddrohungen und wurde aufgefordert das Land innerhalb von zwei Stunden zu verlassen, wie die kolumbianische Zeitschrift "El Espectador" berichtet. Palacios ignorierte die Aufforderung und blieb in seiner Heimatregion. 

Der Vize-Innenminister Daniel Palacios reiste daraufhin nach Bojayá, um sich mit dem Aktivisten zu treffen und sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. "Kein Bandit darf einem Anführer sozialer Bewegungen in Kolumbien sagen, was er machen kann und was nicht", sagte der Vize im Innenministerium. Die Sicherheitsmaßnahmen für Leyner Palacios habe er verstärkt, damit der Aktivist seine wichtige Arbeit für die Region ungehindert fortsetzen könne. Zudem kündigte er an, die Sicherheit und das Zusammenleben in Bojayá verbessern zu wollen. Dafür sei der Bau einer Polizeistation in einer der zugehörigen Gemeinden geplant. 

Der Friedensaktivist Palacios äußerte sich positiv über das Treffen. Seiner Meinung nach seien wichtige Entscheidungen getroffen worden, um die Personen der Region zu schützen. Er wolle zudem weiterhin für Menschenrechte kämpfen. 

Das Magazin "Semana" kritisiert hingegen, dass eine Reaktion der Zentralregierung auf die zugespitzte Lage erst sehr spät erfolgt sei. Demzufolge vergingen zwei Tage nach den Drohungen, bis der Staat tätig wurde. Insgesamt gab es laut dem Magazin zahlreiche ähnliche Vorfälle im vergangenen Jahr im Chocó, in denen staatliche Kräfte nicht eingriffen. 

Der Chocó gilt als die ärmste Region Kolumbiens und ist wirtschaftlich unterentwickelt. Es fehlt vor allem an staatlichen Investitionen in die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur. Aktivisten und Beobachter werfen dem Staat seit Jahren vor, im Chocó kaum Präsenz zu zeigen und die hauptsächlich afrokolumbiansche und indigene Bevölkerung zu wenig zu schützen. Die Bevölkerung im Chocó leidet insbesondere unter der Gewalt illegaler bewaffneter Gruppen, wie Guerillas, Paramilitärs und Drogenkartellen. 

Erinnerung an Bellavista 

Als extreme Gewalteskalation ist das Massaker von Bojayá im Jahr 2001 bekannt geworden, bei dem über 100 Menschen getötet wurden. Damals geriet bei einem Gefecht zwischen Paramilitärs und der Guerilla-Organisation Farc die Lage außer Kontrolle, als eine Granate der Farc die Kirche in Bellavista traf, in der rund 300 Menschen Schutz gesucht hatten. Allein in der Kirche starben 73 Menschen, darunter 50 Kinder. Leyner Palacios verlor 23 Familienangehörige. Der Ex-Gouverneur José Murillo sagte gegenüber der Wochenzeitung "Semana", ihn erinnere die aktuelle Situation an die Vorfälle von damals. Der Staat griff 2002 nicht in das Gefecht ein.

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