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Soziale Gegensätze in Rio de Janeiro rückläufig

In Brasiliens berühmtester Stadt, in Rio de Janeiro, hat sich die historische Ungleichheit zwischen den teuren Vierteln und den Armenghettos (´Favelas´) verringert. Bei näherem Hinsehen jedoch erweist sich die scheinbar gute Botschaft als schlechte Nachricht: Da in den reichen Stadtteilen die Armut steigt, sinken dort die Mieten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Untersuchung, die das Zentrum für soziale Studien der Stiftung Getulio Vargas (FGV) im Auftrag der Stadtverwaltung durchgeführt hat. Sie soll die Behörden befähigen, neue Konzepte zu entwickeln, die der sozialen Integration innerhalb der Metropole förderlich sind.

Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, ob die in Arm und Reich ´geteilte Stadt´ bereits zusammenwächst. Das Konzept der ´geteilten Stadt´ geht auf ein gleichnamiges Buch des Journalisten Zuenir Ventura aus dem Jahre 1994 zurück, das das Auseinanderklaffen der Schere zwischen den wohlhabenden Stadtgebieten und den armen Favelas in den Hügeln von Rio de Janeiro thematisierte.

"Die beiden Hälften der geteilten Stadt scheinen sich, was die Mieten angeht, einander anzunähern", heißt es in der neuen Studie. Während sich die Miete pro Person in den Armensiedlungen von 1996 bis 2008 um sieben US‐Dollar auf 289 erhöht hat, sackten sie im Rest der Stadt von 833 Dollar auf 752 Dollar ab.

In der gesamten Metropole ist die Armut, die die FGV bei unter 82 Dollar pro Kopf und Monat festsetzt, im Untersuchungszeitraum von 9,43 Prozent auf 10,18 Prozent gestiegen. Dafür sind allerdings nicht die Favelas verantwortlich – hier sank die Armut von 18,6 auf 15,1 Prozent –, sondern die Nobelviertel. Dort stieg die Armut um 1,5 Prozent auf 9,4 Prozent an. Landesweit verringerte sie sich hingegen von 28,8 Prozent auf 16 Prozent.

Slums entwickeln Eigendynamiken

In den rund 1.000 Favelas von Rio de Janeiro leben 800.000 Menschen, das entspricht einem Anteil an der gesamten Stadtbevölkerung von 13,3 Prozent. Dass sich die soziale Situation in den Slums verbessern konnte, führt der Wirtschaftswissenschaftler Marcelo Neri auf bessere Arbeit‐ und Verdienstmöglichkeiten vor Ort selbst zurück.

Darüber hinaus haben sich offenbar etliche Entwicklungsmaßnahmen ausgezahlt. Als Beispiel nennt Neri, der die FGV‐Studie koordinierte, Fortschritte bei der sanitären Grundversorgung. Waren 1996/1997 90 Prozent der Favela‐Bewohner an das öffentliche Wasser‐ und Abwassernetz angeschlossen, sind es inzwischen 94 Prozent.

Bei der schulischen Bildung konnten nur dürftige Fortschritte erzielt werden. So beträgt de durchschnittliche Schulzeit der Bewohner der Favelas 6,6 Jahre und der wohlhabenden Viertel 9,9 Jahre. 1996 lag der Durchschnittswert bei 5,5 respektive 8,8 Jahren.

Polizei-Sicherheitseinsätze sollen Schule machen Wie Neri erklärt, werden sich künftige Untersuchungen auch mit den Folgen der erhöhten Polizeipräsenz in einigen Favelas befassen. Dort wurden Sondereinheiten erfolgreich zur Bekämpfung des Drogenhandels und der Kriminalität abgestellt.
Die Präsidentschaftskandidatin, Dilma Rousseff, die den Umfragen zufolge die größten Chancen hat, dem scheidenden Staatschef Luiz Inácio da Silva ins Amt zu folgen, und ihr Herausforderer José Serra wollen das Sicherheitsmodell im Fall ihres Wahlsiegs auf andere brasilianische Städte ausweiten.

Autorin: Fabiana Frayssinet , deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann, in: IPS Weltblick