Brasilien |

Sklaverei im 21. Jahrhundert

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass weltweit 12 Millionen Menschen in sklavenartigen Zuständen leben. Brasilien, das in der Kolonialzeit die meisten Sklaven in Lateinamerika hielt, und die Sklaverei erst 1888 - 66 Jahre nach der Unabhängigkeit von Portugal – abschaffte, spielt auch heute eine unrühmliche Rolle.

In Brasilien schuften Menschen als Sklaven vor allem auf Plantagen, in geschlossenen Fabriken und in Bergwerken. Verschiedene Quellen schätzen ihre Zahl derzeit auf 40.000. Die brasilianische Landpastoral der katholischen Kirche kämpft seit langem gegen die moderne Sklaverei und hat erst kürzlich eine neue Kampagne gestartet, die in der Schweiz von der Nichtregierungsorganisation „Brücke – Le Pont“ aufgenommen wurde. Anlässlich eines Besuchs in der Schweiz erklärte die Agraringenieurin Rosa Lidia Morais da Silva, die internationale Solidarität sei sehr wichtig, um die unmenschlichen Zustände in Brasilien anzuprangern. Morais arbeitet ehrenamtlich für die Organisation “Haciendo la Paz” (“Den Frieden schaffen”), Partner der “Brücke”. Außerdem ist sie für die Ação Social Arquidiocesana (ASA) tätig, eine bekannte brasilianische Nichtregierungsorganisation. Diese vereinigt mehrere Akteure, darunter auch die Landpastoralen.

Pará führt die traurige Tabelle an

Morais erklärt, Sklaverei werde gesetzlich betrachtet durch zwei Elemente definiert: entwürdigende Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Freiheitsentzug. Der Kommission der Landpastoral zufolge ist der nördliche Bundesstaat Pará in Brasilien derjenige, in dem die meisten Fälle von Sklaverei angezeigt werden. In der Tabelle der modernen Sklaverei folgen die Bundesstaaten Mato Grosso, Maranhão, Goiás und Tocantins, die im Norden und in der Mitte Brasiliens liegen. Im Jahr 2010 wurden in diesen Staaten 3.054 Menschen aus der Sklaverei befreit, woran die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen erheblichen Anteil hatte.

Täter nutzen Verzweiflung ihrer Opfer aus

Rosa Lidia Morais zufolge beginnt das Drama in der Regel damit, dass ein Unbekannter in eine abgelegene Gemeinde mit hoher Arbeitslosigkeit kommt und eine Arbeit anbietet. Die Familie erhält vorab gleich etwas Geld. Dann wird ein Bus gechartert, der in der Regel recht komfortabel ausgestattet ist und die angeworbenen Arbeitslosen aufnimmt. Es folgt eine lange Reise, die auch Tausende von Kilometern dauern kann. Das Transportmittel wird irgendwann gewechselt, es wird unbequemer und unsicherer - schließlich werden die Fahrgäste auf verschiedene Fazendas und andere landwirtschaftlichen Betriebe verteilt.

Die Arbeiter kommen bereits verschuldet an ihrem “Arbeitsplatz” an, denn der Mann, der sie angeheuert hat, zieht ihnen von den lächerlich niedrigen Löhnen gleich Transport- und Verpflegungskosten ab. Zur Ausbeutung kommt die psychische Belastung infolge der Trennung von Familie und Heimatort. Die Täter machten sich die Unwissenheit ihrer aufgrund der Arbeistlosigkeit, Elend und Hunger verzweifelten Opfer zunutze, so Morais.

Dem Staat fehlt es nicht an Willen

Artikel 149 des brasilianischen Strafgesetzbuches bezeichnet Sklaverei als ein Verbrechen. Die engagierte Agraringenieurin spricht dem Staat auch gar nicht das Bemühen ab, entschlossen gegen die Sklaverei vorzugehen. Doch müssen die Fälle erst einmal bekannt werden. Ein Nationaler Plan liegt jedenfalls vor – nicht nur zur Bekämpfung der Sklaverei, sondern auch des Organ- und Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung.

Beamte des brasilianischen Staates setzen mitunter ihr Leben aufs Spiel, da Fazenda-Besitzer über Milizen verfügen, deren Finger schnell zum Abzug geht. Lobenswert ist eine sogenannte “schmutzige Liste” des brasilianischen Arbeitsministeriums: Sie nennt die Namen von Unternehmen, die schwere Verstöße begangen haben, im schlimmsten Fall Sklaverei. Diese Unternehmen werden von Ausschreibungen öffentlicher Aufträge ausgeschlossen und erhalten keine Bankkredite mehr.

Sergio Ferrari, in: Adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel