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Sinaloa-Kartell fügt Präsident López Obrador schwere Niederlage zu

Im mexikanischen Culiacán ist es am Wochenende zwischen der Armee und dem Sinaloa-Kartell zu kriegsähnlichen Szenen gekommen. Sicherheitskräfte hatten zuvor den Sohn des ehemaligen Kartell-Bosses "El Chapo" Guzmán festgesetzt. Einige Menschen haben dabei ihr Leben verloren. 

(Symbolfoto) Militärposten im Norden Mexikos. Foto: Jürgen Escher/ Adveniat 

Am Tag danach liegt über Culiacán eine gespenstische Stille. Die Schulen bleiben geschlossen, kein Geschäft öffnet. Überall dampfen noch die am Vortag ausgebrannten Militärfahrzeuge. Kaum jemand traut sich am Freitag auf die Straße. Die Flüge aus und in die Millionen-Stadt im Bundesstaat Sinaloa im Nordwesten Mexikos werden gestrichen. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Die Ruhe nach vier Stunden Bürgerkrieg am Donnerstagnachmittag, als Spezialeinheiten der mexikanischen Armee und Polizei versucht haben, Ovidio Guzmán, einen Sohn des berüchtigten Kartellbosses „Chapo“ Guzmán festzunehmen. Sie sehen sich aber einer hochgerüsteten Streitmacht des „Sinaloa-Kartell“ gegenüber, die plötzlich wie aus dem Nichts erscheint und die Sicherheitskräfte einkreist.  Polizei und Armee geben sich nach stundenlangen Gefechten an 14 Punkten der Stadt geschlagen und lassen den in den USA und Mexiko gesuchten Guzmán junior wieder frei. Es ist der Sieg der Organisierten Kriminalität über den mexikanischen Staat. Er hinterlässt mindestens acht Tote, 16 Verletzte und rund sechs Dutzend beschädigte oder zerstörte Militärfahrzeuge. 

Festnahme scheitert, um Menschen zu retten

Fernab im Süden, 1700 Kilometer vom Ort des Terrors entfernt, tritt am Freitagmorgen Präsident Andrés Manuel López Obrador vor die Presse und versucht, das Unerklärliche zu erklären. „Die Situation war sehr schwierig. Das Leben vieler Menschen stand auf dem Spiel", rechtfertigt López Obrador in der Stadt Oaxaca die Entscheidung, Guzmán junior, genannt „El Ratón“, die Maus, wieder freizulassen, nachdem die Sicherheitskräfte ihn bereits  in ihrer Gewalt hatten. „Die Festnahme eines Verbrechers kann nicht wertvoller sein als das Leben der Menschen." Und man dürfe „Feuer nicht mit Feuer“ bekämpfen, unterstreicht der Präsident. Offensichtlich hatte die Streitmacht des Sinaloa-Kartells mehrere Militärs in ihrer Gewalt und damit gedroht, diese zu töten, sollte der Junior-Chef nicht wieder freikommen. 

Der Präsident, der sich auf einer Reise im Süden Mexikos befindet, hält es nicht für nötig, nach Culiacán zu reisen. Dafür schickt er sein Sicherheitskabinett, das dann kurz danach den Offenbarungseid leistet. Der Einsatz sei schlecht geplant gewesen, gibt Verteidigungsminister Luis Cresencio Sandoval zu. Man habe die Fähigkeit des Kartells unterschätzt, in kurzer Zeit viele Leute zu mobilisieren und zum Gegenschlag anzusetzen. „Es war voreilig, die Konsequenzen wurden nicht berücksichtigt, der riskanteste Teil wurde nicht mitgedacht", bekennt Sandoval. Sicherheitsminister Alfonso Durazo spricht von „Versagen".

Die Macht der Kartelle 

Das bürgerkriegsähnliche Feuergefecht in der Wiege der mexikanischen Drogenmafia zeigt, dass der Staat beim Kampf gegen die Organisierte Kriminalität hoffnungslos unterlegen ist. Militärisch, logistisch und auch sozial. Teile Mexikos sind fest in Hand großer Kartelle, denen die Bevölkerung oftmals mehr vertraut als dem Staat. Zudem kooperieren ungezählte Polizisten, Politiker, Richter und Staatsanwälte mit der Mafia. Mexiko ist in weiten Teilen ein vom Organsierten Verbrechen gekaperter Staat. Und so sind die Ereignisse von Culiacán ein Triumph für alle Kartelle im Land, insbesondere für das Sinaloa-Syndikat, das nach der Verurteilung seines Chefs in den USA viel Terrain an konkurrierende Organisation verloren hat. 

Für den Präsidenten ist die „Schlacht von Culiacán“ das Ende einer schwarzen Woche. Am Montag lockten Killer des Kartells „Jalisco Nueva Generacíon“(CJNG) im Bundesstaat Michoacán 13 Polizisten in einen Hinterhalt. In den zerschossenen Streifenwagen hinterließen die Mörder Zettel, auf denen sie sich als CJNG-Auftragskiller ausweisen. Zwei Tage später kam es im Bundesstaat Guerrero unter bislang ungeklärten Umständen zu einer Schießerei zwischen der Polizei und Bewaffneten, bei denen 15 Zivilisten und ein Polizist starben.

Vor allem die Ereignisse im Bundesstaat Sinaloa seien für den Präsidenten ein Rückschlag „kolossaler Proportionen“, sagt der Schriftsteller Antonio Ortuño, der sich in seinen Büchern immer wieder mit der Gewalt in Mexiko beschäftigt. Klar ist schon jetzt, dass López Obrador seine Strategie im Kampf gegen das Organsierte Verbrechen schnell modifizieren muss, wenn er nicht noch mehr an Autorität und Ansehen verlieren will.

AMLO in Bedrängnis - die Versprechen des Präsidenten

Der Linkspräsident ist noch kein Jahr im Amt und erlebt mit den Ereignissen von Culiacán nun seine erste große Krise, die den Rest seiner sechsjährigen Amtszeit bestimmen wird. „Er muss daraus seine Lehren ziehen“, sagt Edgardo Buscaglia, Experte für Korruptionsbekämpfung und Organisierte Kriminalität. López Obraodor sei auf dem richtigen Weg, betont er gegenüber dieser Zeitung. „Aber man kann nicht erwarten, dass er in zehn Monaten das ändert, was in 50 Jahren versäumt wurde.“ Wichtig sei künftig eine enge Kooperation zwischen Justiz, Geheimdienst, Zoll und den Finanzaufsichten, um die kriminellen Netzwerke zu zerschneiden. Einfach sei das nicht, betont Buscaglia. „Das Sinaloa-Syndikat gehört zu den drei größten kriminellen Organisationen auf dem Planeten.“

López Obrador hat den Kampf für mehr Sicherheit in Mexiko zu einem zentralen Thema seiner Präsidentschaft gemacht. Er will weniger Repression und mehr Prävention. Sozial- und Bildungsprogramme sollen Jugendlichen in den „Kriegsbieten“ des Landes Alternativen zu den Verlockungen der Verbrecher bieten. Der Präsident propagiert eine Amnestie für Mitläufer und kleine Schergen der Mafiaorganisationen. 

Zudem lässt er eine neue Truppe aufbauen, die effizienter und weniger korrupt sein soll. Die „Nationalgarde“ aber besteht weitestgehend aus Soldaten und Ex-Bundespolizisten. Und im Moment ist sie ohnehin mit der Sicherung der mexikanischen Grenzen im Süden und Norden des Landes beschäftigt, um auf Druck der USA den Strom der Migranten zu reduzieren. 

Aber die Strategie des Staatschefs zur Befriedung des Konflikts mit den Kartellen hat nun brutalen Schiffbruch erlitten. „Dass sich eine Stadt wie Culiacán von der Organisierten Kriminalität in die Knie zwingen lässt, erinnert an Batman-Filme“, betont Autor Ortuño. Sie sei aber leider bittere Realität. Mit den Ereignissen von Culiacán sei die Regierung bereits jetzt „moralisch geschlagen“. 

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