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Sieg der Indigenen: Morales verzichtet auf Urwaldstraße

La Paz/Essen, 24. Oktober 2011. Boliviens Präsident Evo Morales hat gegenüber Vertretern der Indigenen zugesagt, die umstrittene Fernstraße durch das Naturschutzgebiet TIPNIS nicht zu bauen. Der Naturpark solle auf ewig unangetastet bleiben und neue Ansiedlungen in dem Gebiet verboten werden. Damit haben die Indigenen, die nach einem 66-tägigen Protestmarsch am 19. Oktober 2011 in La Paz eingezogen sind, einen ersten Erfolg verbuchen können. Derzeit laufen im Präsidentenpalast noch die Verhandlungen über die insgesamt 16 Forderungen der Indigenen zum Schutz ihrer im bolivianischen Amazonasgebiet liegenden Gebiete. Die katholische Kirche hatte die Indigenen mit einem Gottesdienst vor der Kirche San Francisco in La Paz empfangen. Bischof Jesús Juárez von El Alto appellierte an beide Parteien, auf gewaltfreiem Weg zu einer Einigung zu gelangen, sagte Adveniat-Bolivienreferent Martin Hagenmaier.

Derzeit wird zwischen den beiden Parteien über den Schutz des Aguaragüe-Parks im Tarija-Department verhandelt. Laut Informationen der Regierung soll es hierüber bereits einen ersten Lösungsentwurf geben. Nach der Ankunft der Ureinwohner in La Paz am Mittwochnachmittag, 19. Oktober 2011, war es zuerst zu Spannungen mit der Regierung gekommen. Während Tausende Einwohner den Marsch begeistert begrüßten, blieb seitens der Regierung ein Empfang aus. Die Protestler machen zudem Präsident Morales persönlich für einen brutalen Polizeieinsatz gegen den Marsch verantwortlich. So hatten gut 500 Polizisten Ende September unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken vergeblich versucht, die Teilnehmer festzunehmen.

Das gespannte Verhältnis setzte sich zuerst auch in La Paz fort. In der Nacht zum Donnerstag kam es so auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast zu Ausschreitungen, nachdem Polizeikräfte eine von den Indigenen dort installierte Mahnwache einkesselten. Nach mehreren gescheiterten Verhandlungsversuchen kamen beide Parteien schließlich am Freitag zusammen. Seitdem fanden zwischen Morales und den Vertretern den Protestmarsches bereits mehrere Verhandlungsrunden statt.

Etwa 1.500 Indigene hatten im August ihren Protestmarsch Richtung La Paz begonnen, nachdem Morales sich geweigert hatte, mit ihnen über den Bau der Straße zu verhandeln. Ihnen hatten sich weitere Ureinwohner aus der Tieflandregion angeschlossen. Die Fernstraße ist Teil eines umfassenden Projektes zur Integration Südamerikas. Die von der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES finanzierte Straße soll eine Anbindung von Zentralbrasilien an die Pazifikküste schaffen.

Präsident Morales hatte vor zwei Jahren dem damaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva die Durchführung des Projektes versprochen. Brasilien erhofft sich von der Straße Erleichterungen beim Export von Gütern nach Asien. Die Indigenen, die 1990 durch einen ähnlichen Protestmarsch nach La Paz die Besitztitel für das 12.000 Quadratkilometer große Urwaldgebiet erzwungen hatten, fürchten durch die mitten durch den Park führende Straße ein Eindringen von Coca-Produzenten in ihr Gebiet.

Angeblich soll Morales, der immer noch die Coca-Gewerkschaften anführt, den Cocabauern eine Ansiedlung in dem Gebiet versprochen haben. TIPNIS gilt als besonders geeignet für den Anbau der Pflanze, die in Bolivien sowohl als Nahrungsmittel wie zur Herstellung von Drogen benutzt wird. Die in TIPNIS lebenden Indigenen haben bereits mehrfach auf den illegalen Cocaanbau durch Drogenhändler auf ihrem Gebiet aufmerksam gemacht. Ende letzter Woche hatte die bolivianische Anti-Drogen-Polizei ein von kolumbianischen Drogenhändlern betriebenes Kokainlabor in dem Park ausgemacht und zerstört. Dabei war es zu heftigen Feuergefechten mit den Drogenhändlern gekommen. (Thomas Milz)