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"Schwerter zu Pflugscharen, Bomben zu Büchern"

Der UNESCO-Bildungsbericht 2011 warnt vor Kriegen und lobt Lateinamerika. Die Milleniumsziele in Sachen Bildung sind aber bis 2015 dennoch nicht mehr erreichbar.

»Als ich Präsident von Costa Rica war, wurde ich ständig gefragt, ob das Fehlen eines Militärhaushaltes nicht die Sicherheit unseres Landes gefährden würde«, erinnert sich der Ex-Präsident des mittelamerikanischen Landes und Friedensnobelpreisträger Oscar Arias Sánchez in einem Beitrag zum aktuellen UNESCO-Bildungsbericht an seine zwei Amtszeiten Ende der 1980iger und von 2006 bis 2010. Die Frage, warum Costa Rica keine Armee habe, beurteilt der Schüler eines Franziskanerkonvents als »kurios«. Statt Rüstungsausgaben seien schließlich Investitionen in Bildung die beste Garantie für Frieden. Die politischen Führungen sollten sich stattdessen daran erinnern, dass Armut eine »enorme Quelle nationaler Unsicherheit« sei und Geld für Kriege und Waffenhandel die »Gründe für Armut«. Politiker, Vertreter von Ethik und Wirtschaft seien gleichermaßen dazu aufgefordert, »jetzt zu handeln«, so Arias Apell.

Seine Forderung: Reduzierung der weltweiten Rüstungs-Milliarden und Umlenkung dieser finanziellen Ressourcen in die Förderung von Bildung. Zur Erreichung einer »Universalisierung der Grundschulbildung« bis 2015, so wie es sie sich die Milleniumsziele der 164 UNO-Staaten beim Weltbildungsgipfel 2000 in Dakar auf die Fahne geschrieben haben, dürfe sich die Weltgemeinschaft nicht mehr den »Luxus irriger Prioritäten« erlauben. »Bomben zu Büchern«, dieser Moment sei jetzt oder nie, so der 70jährige Träger des renommierten Albert-Schweizer-Preises für die Menschlichkeit.

Zu viel Geld für Waffen

Der am Dienstag in New York vorgestellte Bericht der UN-Kulturorganisation alarmiert: »In vielen der ärmsten Länder der Welt zerstören bewaffnete Konflikte nicht nur die Schulinfrastruktur, sondern auch die Hoffnungen und Ambitionen von Generationen von Kindern«. Die Zahlen und Berichte, die jedes Jahr von unabhängigen Bildungs-Experten verfasst werden, sprechen Bände.

Weltweit besuchten 67 Millionen Kinder keine Schule, 28 Millionen davon lebten in Ländern mit »Konfliktsituationen«, so die Autoren. Nur einen eingeschränkten Zugang zu Bildung hätten zudem Flüchtlinge und Vertriebene. Nur 21 Entwicklungsländer investierten mehr in Schulen und Lehrer als in Waffen und Soldaten.

Falsche Prioritäten

Aber auch die Entwicklungshilfe der Industrienationen würde Bildung zu wenig Platz einräumen. Nur etwa zwei Prozent der offiziellen Entwicklungshilfegelder würden in die Stärkung des Bildungssektors fließen. Der UNESCO-Apell an die Politik ist im Großen und Ganzen ähnlich wie vor 20 Jahren: höhere Priorität und mehr Geld für Bildung weltweit, bessere Kenntnisse über die Bildungsbedürfnisse von Flüchtlingen und Vertriebenen und die Bündelung von UN-Strukturen durch ein gemeinsames Bildungsmandat für UNICEF (Kinderhilfswerk) und UNHCR (Flüchtlingsrat).

Als abschließende Erkenntnis stellt das Papier fest, dass die sechs Hauptziele Verringerung der Kindersterblichkeit, Universelle Schulbildung, Lernchancen, Alphabetisierung, Geschlechterparität und Gleichberechtigung, Bildungsqualität bis 2015 »nicht erreicht« werden können.

Gutes Zeugnis für Lateinamerika

Für Lateinamerika und die Karibik gibt es hingegen gute Nachrichten. »Die Region hat die größten Fortschritte gemacht«, sagte UNESCO-Regionalbeauftrager Jorge Sequeira am Dienstag bei der Vorstellung des regionalen »Prüfberichts Bildung für Alle in der Welt« im chilenischen Amtssitz. Der Bericht bestätigt eine Einschulrate von 95 Prozent.

Der Bericht zeigt aber, dass die Veränderungen je nach Land sehr unterschiedlich verlaufen sind: In Lateinamerika etwa hätten sich im Zeitraum von 1999 bis 2008 Nicaragua, Guatemala, Venezuela, Brasilien und Panama bei der Grundschulbildung am deutlichsten verbessert. Hinter den Stand von 1999 zurückgefallen sind laut der Autoren Paraguay, Peru und Kolumbien.

Regierungen müssen dran bleiben

2015 wird es noch viele Kinder geben, die nicht eingeschult sind. In Venezuela beispielsweise, das die Rate nicht eingeschulter Kinder um knapp die Hälfte senken konnte, werden im Jahr 2015 immer noch rund 143.000 Kinder nicht zur Schule gehen, so der Bericht. In Brasilien, das die Rate um 33 Prozent gedrosselt hat, sollen es 2015 noch eine Million sein.

Auch wenn vor allem Lateinamerika auf einem guten Pfad sei, warnt der UNESCO-Regionalvertreter Sequeira vor zu großer Freude über die Ergebnisse: »Die Finanzkrise und Naturkatastrophen zeigen, dass die Fortschritte schnell verschwinden«.

Autor: Benjamin Beutler