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Schweres Erdbeben erschüttert Haiti

Port-au-Prince. Zu Tode erschrockene Menschen, der Präsidentenpalast in Trümmern, offenbar unzählige Tote: Lateinamerikas Armenhaus Haiti ist von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden. Über eine Minute dauerte laut Augenzeugen der schwerste Erdstoß, der am Dienstag kurz vor 17 Uhr Ortszeit die Insel erschütterte. Um das gesamte Ausmaß der Schäden abzusehen, werden Tage nötig sein. Die Kommunikationskanäle sind zusammengebrochen; als besonderes verheerend erweist sich, dass zahlreiche Gebäude von Behörden eingestürzt sind, die die staatliche Infrastruktur sicherstellen sollen.

Der TV-Sender CNN Espanol zeigte in der Nacht zum Mittwoch Bilder von einem weißen Trümmerberg: dort hatte einst der Präsidentenpalast Haitis gestanden. Auch Krankenhäuser und ein UN-Gebäude sollen nach ersten Augenzeugenberichten in sich zusammengefallen sein. Straßen sind unpassierbar, Brücken sind eingestürzt, eine riesige Staubwolke liegt über der Hauptstadt. Offizielle Angaben über Tote und Verletzte gibt bislang nicht, laut Augenzeugenberichten sollen allerdings zahlreiche Tote auf den Straßen der verwüsteten Städte liegen. Wie viele Menschen unter den Trümmern verschüttet liegen, ist derzeit noch nicht abzuschätzen. Guillermo Garcia, Direktor des Internationalen Roten Kreuzes für Lateinamerika, erklärte: "Wir versuchen so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Aber die Situation gestaltet sich sehr schwierig."

Auf den Straßen der Insel herrscht seit dem Beben das blanke Chaos: Verzweifelte Menschen versuchen mit bloßen Händen Verschüttete aus den Trümmern zu bergen. Die wenigen Hilfskräfte, die es zu den Eingeschlossen schafften, sind restlos überfordert. Der haitianische Botschafter in den USA, Raymond Joseph, sagte in einem Fernsehinterview, das Erdbeben in seiner Heimat habe eine "Katastrophe von größeren Ausmaßen" ausgelöst. Er habe telefonisch kaum jemand erreichen können, verlässliche Informationen seien derzeit nicht zu erhalten.

Die Erdstöße seien auch in der benachbarten Dominikanischen Republik zu spüren gewesen, die den Ostteil der mit Haiti gemeinsamen Karibikinsel Hispaniola einnimmt, berichten Fernsehsender. Das seismologisch-geologische Institut der USA teilte in einer ersten Stellungnahme mit, das Epizentrum des Bebens der Stärke von 7,0 habe etwa 16 Kilometer westlich von Port-au-Prince in 10 Kilometer Tiefe gelegen.

Derweil kündigten die ersten Nachbarstaaten an, Haiti zu Hilfe zu kommen. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte, die Vereinigten Staaten werden Gelder bereitstellen und Hilfskräfte entsenden. Ihr Ehemann und Ex-Präsident Bill Clinton ist UN-Sonderbotschafter für Haiti. Als Soforthilfe stellten die USA zwei Millionen Dollar bereit. Auch Venezuelas Staatspräsident Hugo Chavez ließ über einen Sprecher erklären, die venezolanischen Luftstreifkräfte für humanitäre Einsätze abzustellen.

Haiti gilt als das Armenhaus Lateinamerikas. Jeder zweite Haitianer im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos und unterernährt. Die Menschen haben kaum Zugang zu Bildung: Über 50 Prozent der Haitianer können nicht richtig lesen und schreiben. Die Situation in Haiti war bereits vor dem verheerend - deswegen wählte das bischöfliche Hilfswerk Adveniat Haiti als Schwerpunktland seiner Jahresaktion im vergangenen Advent. Bedarf an Hilfe gibt es in Haiti an allen Ecken und Enden: Ernährung, Bildung, medizinische Versorgung und Umweltschutz.

Es ist vor allem die politische Instabilität, die das Land nicht zur Ruhe kommen lässt. Nur ein Jahr nach ihrem Amtsantritt wurde Ende Oktober die Ministerpräsidentin des Karibikstaates, Michelle Pierre-Louis, vom Senat per Misstrauensvotum abgesetzt. Die populäre Regierungschefin stürzte über Korruptionsvorwürfe, Beobachter sprachen auch von einer politischen Intrige gegen die erste Frau des Landes. Im kommenden Februar sollen in Haiti Wahlen stattfinden. Ob dies angesichts der Naturkatastrophe noch möglich ist, erscheint derzeit zweifelhaft.

Autor: Tobias Käufer, kna

 

Adveniat stellt 20.000 Euro Soforthilfe bereit

Essen. 20.000 Euro Soforthilfe stellt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die Opfer des Erdbebens in Haiti bereit. Die Mittel sollen in den betroffenen Gebieten, vor allem in der Hauptstadt Porte-au-Prince, zur Linderung der unmittelbaren Not verwendet werden.

Ein Beben der Stärke 7,3 hatte am Dienstagnachmittag große Teile der haitianischen Hauptstadt zerstört, darunter ein Krankenhaus, Ministerien, Schulen, die Kathedrale und den im Stadtzentrum gelegenen Präsidentenpalast. Da die Stromversorgung und Telefonleitungen infolge des Bebens kollabierten, ist die Situation im Land immer noch unklar. Es wird von Hunderten Toten ausgegangen.

„Wir sind von dieser neuerlichen Katastrophe im ärmsten Land Amerikas tief betroffen“, sagte Bischof Felix Genn, Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat. „Durch die Besuche der haitianischen Gäste im Advent besteht natürlich eine besondere Nähe zu den Menschen dort.“ Haiti war Beispielland der Adveniat-Aktion 2009. „Der notwendigen Hilfe für Haiti kann sich in dieser Situation niemand entziehen“, sagte der Adveniat-Bischof.

„Unsere Projektpartner haben einen guten Überblick, in welchen Gemeinden die Schäden am größten sind“, sagte Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka. „Außerdem bieten sie den Menschen auch dann noch langfristig Unterstützung, wenn die Folgen des Erdbebens nicht mehr im Scheinwerferlicht der Fernsehkamera stehen.“ Klaschka rief auch dazu auf, im Gebet der Opfer zu gedenken.

Erzbischof Schick ruft zu Spenden für Haiti auf

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick, ist tief erschüttert über das Erbeben in Haiti. Die Not in dem Land sei ohnehin sehr groß, die Katastrophe verschlimmere nun die Lage, sagte der Bamberger Erzbischof heute. "Jetzt müssen wir helfen und für die Menschen dort beten."

Schick hatte im vergangenen Jahr gemeinsam mit einer Adveniat-Delegation das Land besucht und Kontakte geknüpft. Die Erzdiözese Bamberg pflegt seit 45 Jahren partnerschaftliche Verbindungen in den Karibikstaat. In Bamberg wurde im vergangenen Jahr die Adveniat-Aktion eröffnet.