Brasilien |

Schwere Missstände offenbaren sich

Am vergangenen Sonntag wurde der Menschenrechtsaktivist Sebastião Bezerra da Silva im brasilianischen Bundesstaat Tocantins gefoltert und ermordet. Der Fall wirft ein dunkles Licht auf die Lage der Menschenrechte in Brasilien, so ein Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Der Anwalt und Leiter des Menschenrechtszentrums Cristalândia im Bundesstaat Tocantins (800 km nördlich der Hauptstadt Brasília), Sebastião Bezerra (40), wurde am Sonntagmorgen (27.02.) tot am Eingang einer Fazenda (landwirtschaftliches Gut) in Dueré aufgefunden. Nach Polizeiangaben wurde er seit Samstagnachmittag vermisst. Seine Leiche wies Spuren von Folter (Nadelstiche, gezogene Fuß- und Fingernägel) auf, er wurde mit einem Seil erwürgt. Trotzdem ließ die zuständige Polizeibehörde am Montag verlauten, dass Bezerra vermutlich Opfer eines Raubes geworden sei, man wahrscheinlich sein Auto und Wertgegenstände habe stehlen wollen.

Sebastião Bezerra leitete seit Jahren das vom katholischen Bischof in der Stadt Cristalândia, Dom Heriberto Hermes, gegründete Menschenrechtszentrum. Die wichtigste Aufgabe des Menschenrechtszentrums ist die Bildung und Sensibilisierung der Bürger in Tocantins und den benachbarten Bundesstaaten Goiás, Pará, Maranhão und Bahia für ihre Menschenrechte sowie ihre moralische, politische und juristische Unterstützung. Diese benötigen die Menschen in der noch nicht sehr entwickelten Region Brasiliens vor allem im Kampf gegen Sklavenarbeit und besonders Kinderarbeit. Dabei wird das Menschenrechtszentrum aus Deutschland von der Konrad-Adenauer-Stiftung, der katholischen Kirche (Adveniat) und der Deutschen Botschaft in Brasília unterstützt.

Das Menschenrechtszentrum engagiert sich vor allem mit Kursen zur Ausbildung von „Agentes Jurídicos Populares“ (etwa: Rechtsberatende Bürger), die mit ihrem Fachwissen des brasilianischen Rechtes und viel Mut und Geschick gegen die Menschenrechtsverletzungen vorgehen. Es geht aber auch darum, durch Bildung dem vorzubeugen, dass die Menschen entweder selbst in Sklavenarbeit geraten oder ihre Kinder zur Finanzierung des Familienunterhaltes ausgebeutet werden. Diese Arbeit wurde ganz wesentlich von dem versöhnlichen, ehrlichen und mutigen Geist von Sebastião Bezerra geprägt.

Einsatz gegen Lynchjustiz

Dabei scheute er sich auch nicht, die Menschenrechte gegen die „Volksmeinung“ zu verteidigen: Im November 2010 wurde ein junger Mann von einer Menschenmenge aus dem Gefängnis in Barrolândia geholt und auf dem Dorfplatz auf brutalste Weise gelyncht. Er war der Vergewaltigung und Ermordung eines 18-jährigen Mädchens beschuldigt worden. Sebastião Bezerra forderte Aufklärung über die Täter und die Verantwortlichen und ließ keinen Zweifel an seiner Ablehnung der Lynchjustiz. Die Lynchjustiz trotz der vermutlich großen Schuld des Opfers zu verurteilen, isolierte Bezerra und das Menschenrechtszentrum von der öffentlichen Meinung.

Sebastião Bezerra setzte sich dafür ein, zunehmend die Bürger für politische Beteiligung zu bilden und zu motivieren, damit sie gerade auf kommunaler Ebene ihr Schicksal selbst mitgestalten können. Dabei wurden hohe Hürden durch die jetzigen Inhaber der öffentlichen Ämter aufgestellt, z.B. wurden Interessierte vom Bürgermeister daran gehindert, an den öffentlichen Seminaren teilzunehmen. Feindseligkeit zu ertragen gehörte ebenso wie Todesdrohungen durch Telefonanrufe und e-mails zum Alltag von Sebastião Bezerra.

Polizei als Täter gegen die Menschenrechte

Ein Problem, mit dem sich Sebastião Bezerra in seiner Arbeit intensiv beschäftigen musste, sind die durch Polizisten begangenen Verbrechen wie Misshandlungen, Folter und Tötungen. In mehreren Fällen ging das Menschenrechtszentrum gegen solche Fälle vor und erreichte sogar gerichtliche Verurteilungen solcher Polizisten. Menschenrechtler halten es für möglich, dass die Mörder von Sebastião Bezerra aus diesem Umfeld kommen und nicht zuletzt eine Botschaft an die gesamte Menschenrechtsszene senden wollten.

Menschenrechte in Brasilien

Obwohl zweifelsohne durch die vermehrten Anstrengungen der Regierung in den letzten Jahren Erfolge bei der Verbesserung des Menschenrechtsschutzes erzielt worden sind, bleiben Missstände wie Folter und Gewaltmissbrauch durch Polizisten, unmenschliche Zustände in den Gefängnissen oder Kinder- und moderne Sklavenarbeit weiterhin bestehen.

Bei der schon extrem hohen Mordrate in Brasilien (laut Human Rights Watch sind es mehr als 40 000 jährlich), tauchen die Tötungen, die durch Polizeibeamte in ihrem Dienst „in legitimer Verteidigung“ begangen werden, gar nicht erst auf. Allein im Bundesstaat Rio de Janeiro sind es durchschnittlich drei Tötungen pro Tag, im ersten Halbjahr 2010 waren insgesamt 505 Personen, die durch die Waffe eines Polizisten ums Leben kamen. Damit kommt auf sechs „gewöhnliche“ vorsätzliche Morde eine Tötung durch einen Gesetzeshüter.

Autoren: Dr. Peter Fischer-Bollin und Esther Hamm

Der Bericht wurde ursprünglich am 2. März 2011 auf der Internetseite der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien veröffentlicht.