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Schutz für heilige Maya-Stätten oder für Privatbesitz?

Die Maya-Geistlichen, die „Ajq’ijab“, sind der Ansicht, dass sie als direkte Nachfahren der alten Mayas unbegrenzten Zugang zu den rund 2.000 Orten von spiritueller Bedeutung haben sollten. Das Kulturministerium hat mit Indigenenvertretern ein vorbildliches Gesetz dazu ausgearbeitet - doch die Landbesitzer sind dagegen.

Versteckt in einem Vulkankrater und von Nebelschleiern verborgen, liegt im Hochland von Quetzaltenango, mitten im Wald, der See Chicabal. Zahlreiche Altäre indigener Maya-Schamanen befinden sich hier. Im Jahr 2009 erwarb die Vereinigung der ökologischen Landwirte ASAECO das Land um den See herum und begann, das etwa 200 Kilometer von Guatemala-Stadt entfernte Gebiet zu schützen. Die Vereinigung verbot das Befahren des Ortes mit Autos. Touristen dürfen Chicabal jetzt nur noch dann besuchen, wenn ihre Anwesenheit nicht die religiösen Zeremonien der lokalen indigenen Gemeinschaften stört.

Gesetzentwurf zum Schutz heiliger Maya-Stätten

Die geistigen Führer, die „Ajq’ijab“ sind der Ansicht, dass sie als direkte Nachfahren der alten Mayas unbegrenzten Zugang zu den, laut offiziellen Daten, rund 2.000 Orten von spiritueller Bedeutung haben sollten. Auch sollten die geistigen Autoritäten das Recht haben, diese Orte zu pflegen und zu schützen. Zu diesen heiligen Stätten gehören auch bekannte Ruinenstätten inmitten von Wäldern, Tälern, auf Bergen und Gewässern im ganzen Land, wie etwa die uralte Stadt Tikal.

Das Ministerium für Kultur und Sport MICUDE und das Friedenssekretariat SEPAZ führten angesichts dieser Bedürfnisse eine Reihe von Gesprächen mit indigenen Vertretern über den Zugang zu heiligen Stätten. Das Ministerium stimmte schließlich zu, ein Spezialreferat zum Schutz heiliger Orte zu gründen und einen Gesetzesentwurf vorzulegen, der das Thema unter Berücksichtigung der im Friedensabkommen von 1996 getroffenen Vereinbarungen und gemäß der ILO-Konvention 169 über indigene Rechte, rechtlich verankern sollte. Der Entwurf wurde im Jahr 2008 ans Parlament gesandt, just in dem Jahr, als die Amtszeit von Ex-Präsident Álvaro Colom (2008-2001) begann.

Indigene Vertreter sollen Stätten betreuen

Max Araujo, Experte für kulturelle Rechte, erklärt, der Gesetzentwurf sehe vor, dass alle archäologischen Maya-Stätten auf guatemaltekischem Staatsgebiet nicht mehr vom Ministerium, sondern von einem „Nationalrat für Heilige Stätten“ betreut werden sollten. Dieser Rat solle sich sowohl aus indigenen Vertretern als auch aus Archäologen zusammengesetzt sein.

Orte wie Tikal, Quiriguá und El Mirador, die als nationales Kulturgut oder gar von der UNESCO gar als Weltkulturerbe deklariert wurden, sollen laut Gesetzentwurf von Kulturministerium und dem Nationalen Rat unter Wahrung der internationalen Richtlinien für diese Stätten gemeinsam verwaltet werden. Wer ohne Einverständnis des Rates Objekte aus heiligen Stätten entnimmt, würde sich strafbar machen. Vergehen könnten dann - je nach Schwere - mit Bußgeld oder Haftstrafen geahndet werden.

Der "Schamane Colom" bleibt untätig

Auch die wissenschaftlichen Forschungen in den heiligen Maya-Stätten würden nach diesem Vorschlag gemeinsam von Rat und Kulturministerium geleitet werden. Bergbauprojekte und Erdölförderung müssen darauf achten, dass heilige Stätten nicht beschädigt werden. Sollte dies doch geschehen, wären sie verpflichtet, Schäden zu beseitigen. Bergbau oder Erdölförderung in der Nähe heiliger Orte würden durch den Entwurf jedoch nicht verboten.

Die Kommission indigener Völker und die Kommission für die Einhaltung des Friedensabkommens haben dem Gesetzentwurf bereits zugestimmt. Trotzdem geht es seit vier Jahren nicht voran. Laut Max Araujo liegt das am heiklen Thema der heiligen Stätten auf Privatland, denn diese Grundstücke müssten laut Gesetzesvorschlag enteignet, dem Nationalen Rat für Heilige Stätten übertragen und die vormaligen Eigentümer entschädigt werden.

Obwohl Präsident Colom die Weihen eines Maya-Schamanen erhalten hat und er bei offiziellen Anlässen immer wieder die Multikulturalität hervorhob, spielten Gesetzesvorschläge in denen die indigenen Rechte einschließlich der ländlichen Entwicklung und der heiligen Stätten eine völlig untergeordnete Rolle.

Aufschrei der Landbesitzer

Weil die Spannungen zwischen der Regierung auf der einen Seite und indigenen und bäuerlichen Organisationen auf der anderen Seite immer mehr zunahmen, schuf die Regierung im Jahr 2010 das Nationale Dialogforum, dem auch eine Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen angehören. Damit wollte man Konflikte, die durch Landvertreibungen, die Umweltschäden im Tagebau, Wasserkraftwerke aber auch das Blockieren von Gesetzesentwürfen entstanden waren, entschärfen.

Bei den Gesprächen wurde die Haltung der Privatwirtschaft mehr als deutlich: „Der Gesetzentwurf enthält Drohungen und verletzt das Recht auf Privateigentum", unterstrich etwa der Verband der Industriellen. Indigenenvertreter verweisen jedoch darauf, dass die derzeit bestehenden Verhältnisse sowohl gegen das Friedensabkommen des guatemaltekischen Bürgerkrieges von 1996 als auch gegen die ILO-Konvention 169 verstoßen und die Maya-Indigenas diskriminiert werden, weil ihnen der Zugang zu heiligen Orten verwehrt wird, an denen sie religiöse Zeremonien abhalten möchten.

Entwurf verstaubt in der Schublade

Im Wahljahr 2011 bewegte sich in Sachen Gesetzentwurf nichts. Auch gegenwärtig scheint er in den Schubladen der Legislative zu verstauben. Die Parlamentsabgeordneten gehören zu gleichen Teilen der regierenden rechten Patriotischen Partei (PP) und einer fragilen oppositionellen Koalition an. Doch nicht ein einziger Abgeordneter zeigt irgendwelche Ambitionen, am Gesetzentwurf über den Schutz spiritueller Orte weiterarbeiten zu wollen.

Da das Land nun mit Otto Pérez Molina von einem Ex-General regiert wird, der sogar den Völkermord leugnet, der während des Bürgerkrieges an der indigenen Bevölkerung Guatemalas begangen wurde, stellen sich indigene Organisationen auf einen zähen und langen Kampf um dieses Gesetz ein.

Autorin: Louisa Reynolds in Adital (Erstveröffentlichung: Noticias Aliadas); Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer