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Schmuck aus dem Paradies

Knochenhart und haarig sind unbearbeitete Steinnüsse. Nachdem die Schale abgeschlagen und die Früchte bearbeitet sind, haben sich sie sich in elfenbeinfarbene, marmorierte Handschmeichler verwandelt, die man gar nicht wieder weglegen möchte. Ein Kollektiv aus „El Paraíso“ stellt Schmuck aus den Nüssen her.

Erst kommt man fast nicht hin, weil ein Erdrutsch wieder die Straße blockiert hat, dann ist es auch keine Welt, wo Milch und Honig von selber fließen, das Paradies, im Gegenteil. Die Armut blinzelt einem ins Gesicht, auf Schritt und Tritt. Fünfzig Familien leben in diesem Dorf mit den vielen betagten Holzhäusern und dem wundervollen Namen „El Paraíso“. Die ersten Siedler werden gewisse Eindrücke und Hoffnungen gehabt haben, dass sie dem Stück Land diesen Namen gaben. Die 27-jährige Carmen Espinóza ist hier aufgewachsen, aber ihre Eltern kamen auf der Suche nach einem besseren Leben aus dem benachbarten Intag-Tal in die damals noch kaum besiedelte Region Manduriaco. Ein Berg mit Nebelwald sei das hier vor zwei Generationen noch gewesen, mit vielen Schlangen und mit Flüssen, über die damals noch keine Brücken gebaut waren, erzählt sie.

Angenehm tropisch warm ist es im Paradies. Manduriaco ist noch immer ein abgelegener Winkel im Norden Ecuadors, am Fuß der Anden, Richtung Küste. Bananen und Yucca gedeihen prächtig. Die Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, aber das reicht zum Leben nicht, es fehlt an allem. Die Jugend wandert ab in die Hauptstadt Quito und will von Feldarbeit nichts mehr wissen. Explorationsarbeiten für ein mögliches Kupferbergbauprojekt haben im vergangenen Februar tiefe Gräben in die Dorfgemeinschaft von El Paraíso geschlagen: Es gibt jene, die für den Bergbau sind und darin eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung der Region sehen und andere, die sind strikt dagegen. Weil der Bergbau die Landschaft unwiederbringlich verschmutzen und verschandeln würde, so ihre Befürchtung. Letztere plädieren für eine langsamere Entwicklung. Fakt ist: Einkommensquellen müssen her. Ein Kunsthandwerksprojekt mit Steinnüssen, Flechtarbeiten und Gemeinde-Tourismus gibt es schon eine Weile.

Kunsthandwerk und Community-Tourismus

Ein Kollektiv von 13 Personen aus dem Dorf, zehn Frauen und drei Männer, hat sich für die Arbeit mit den Taguanüssen gebildet. Die Gruppe ist dem 2007 gegründeten Verein „Fibras del Paraíso“ (Fasern aus dem Paradies) angeschlossen. Sie arbeiten gemeinsam die Aufträge ab und teilen die Erlöse auch zu gleichen Teilen unter sich auf. „Das hat bis jetzt immer gut funktioniert“, sagt Carmen.

„Anfangs waren wir zu viert. Wir hatten alle vor acht Jahren als Angestellte der NRO „Talleres del Gran Valle“ im Nachbardorf Magdalena gearbeitet. Aber diese Organisation musste ihre Arbeit fast gänzlich einstellen, als die ausländischen Gelder aus der Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr flossen. Wir verloren unsere Jobs. Aber von irgendetwas mussten wir leben und so kamen wir auf die Idee, selbst etwas auf die Beine zu stellen, eine Schmuckwerkstatt mit Community-Tourismus. Wir hatten zwar ein bisschen Erfahrung, aber niemand von uns war je im Ausland gewesen oder wusste, wie man im Tourismus mit Kunden umgeht oder wie das Internet funktioniert. Wir haben dann den Gründer von „Talleres del Gran Valle“, Denis Laporta, um Hilfe gebeten.

Schlüsselanhänger, Halsketten, Ringe und Knöpfe

Er war einverstanden und kurz davor, nach Spanien zu fahren. Wir bearbeiteten also wenig später unseren ersten Schwung Tagua-Nüsse, damit Denis ein paar Muster mitnehmen könnte. Das war hart! Alles Handarbeit. Wir haben uns mit der Handsäge in den Finger geraspelt, aber wir haben es geschafft. Denis nahm Muster mit und kam mit einer ersten Bestellung für Schlüsselanhänger im Wert von 6.000 US-Dollar wieder. Das ging alles plötzlich sehr schnell. Wir lernten von jedem Freiwilligen, der hierher kam ein bisschen mehr darüber, wie man mit dem Internet umgeht. Und so konnten wir nach und nach selbst mit unseren Kunden übers Internet kommunizieren“, erzählt die schmale junge Frau.

Drei Jahre lang hätten sie dann Bestellungen aus Spanien erhalten, Schlüsselanhänger, Ketten, Ringe, Armbänder und Knöpfe gefertigt. Maschinen und einen Ofen erhielt die Gruppe als Spende von der spanischen NGO „Manos unidos“. „Alles zusammen hätte 10.000 US-Dollar gekostet. Das liegt völlig über unseren Möglichkeiten“, sagt Carmen.

Die Stein- oder Taguanüsse wachsen in der Region und sind Früchte Elfenbeinpalme (Phytelephas macrocarpa). Zuerst müssen die Nüsse im Ofen getrocknet und danach die harte Schale abgeschlagen werden. Dann werden sie die gewünschten Teile gesägt und auf einer Drehbank weiter bearbeitet. Wenn die Form stimmt, kommen die Stücke mit Steinen und Wasser in die Schleifmaschine. Nach dem Polieren werden die Teile wieder im Ofen getrocknet und danach gefärbt. Anschließend müssen die Einzelteile nochmals in die Schleifmaschine, jetzt allerdings zum Polieren. Den Block mit der Politur, der aussieht wie ein zu viel zu groß geratenes Stück Seife hält Carmen wie einen Schatz. Wir müssen die Politur in der Hauptstadt Quito kaufen“, sagt sie, „Sie kostet nicht viel, aber sie ist verdammt schwer zu bekommen“, erklärt sie noch und lächelt vielsagend. Mehr ist ihr dazu nicht zu entlocken.

Gemeinsam und Schritt für Schritt

Jetzt im Frühjahr gammeln ein paar unbearbeitete Nüsse vor sich hin. Flaute. Die Bestellung aus Spanien blieb aus. Die Wirtschaftskrise, meint Cármen. Das Geschäft mit den Flechtarbeiten aus Pflanzenfasern laufe viel besser. Aber vielleicht haben sie bald eine neue Kundin aus Frankreich. Momentan werden Muster produziert. Die Qualität sei gut, habe die Interessentin gesagt. Wenn Aufträge da sind, könne jedes Mitglied der Gruppe 400 US-Dollar im Monat verdienen. Das sei mehr als in der Landwirtschaft und vor allem „ist es weniger Arbeit“.

Aber die Gewinnung internationaler Kunden von einem Paradies aus, in dem es keinen Handyempfang und kein Internet gibt, ist nun mal nicht einfach. Die Mitglieder des Kollektivs müssen erst einmal lernen, was für eine Art von Fotos die Interessenten erwarten und wie man diese dann durchs Netz jagt. Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder Freiwillige aus dem Ausland kommen, über das Tourismus-Projekt. „In den Sommermonaten Juli, August und September kommen Touristen zu uns. Momentan haben wir immer Gäste aus Frankreich“, sagt Carmen. Über der Werkstatt können vier Personen schlafen, weitere Möglichkeiten gibt es im Dorf. Gegessen wird in den Familien. Und dann, so die Idee aus dem Paradies, dann wird gegenseitig Wissen ausgetauscht. Über das Leben im Paradies und über die Bedienung eines Blogs. Über Marketing und über Motocross am Hang. Und darüber, ob der Kupferbergbau gut oder schlecht für "El Paraíso" wäre.

Autorin: Bettina Hoyer