Haiti |

Schleppender Wiederaufbau - Geberländer im Rückstand

Von dem verheerenden Erdbeben mit mehr als 200.000 Toten und 1,5 Millionen Obdachlosen im Januar letzten Jahres hat sich Haiti immer noch nicht erholt. Die Staatengemeinschaft ist mit der Umsetzung ihrer großzügigen Hilfszusagen im Rückstand. Zudem verhindern Machtkämpfe innerhalb der haitianischen Regierung, dass die Unterstützung die Notleidenden tatsächlich erreicht.

"Mit dem Schutt, der noch auf den Straßen liegt, könnte man 8.000 Schwimmbecken von olympischen Ausmaßen füllen", heißt es in einer kürzlich in New York veröffentlichten Studie des UN-Entwicklungsprogramms UNDP.

Die große Menge an Trümmern in Port-au-Prince hält die Bewohner davon ab, wieder in ihre Häuser zurückzukehren. Damit ist auch die Hauptstadt weit entfernt von einer Rückkehr zur Normalität. Nach Schätzungen des UNDP liegen die Kosten für den Wiederaufbau bei rund 11,5 Milliarden US-Dollar. "Die Organisationen, die in dem Land arbeiten, benötigen kontinuierliche Unterstützung", erklärt das UN-Programm.

Im März vergangenen Jahres hatten die Mitglieder der Vereinten Nationen dem Karibikstaat Hilfen von mehr als neun Milliarden Dollar zugesichert. 5,3 Milliarden sollten im Zeitraum 2010 bis 2011 bereitgestellt werden. Bis jetzt hat der Wiederaufbaufonds für Haiti (HRF) aber erst 352 Millionen Dollar erhalten, von denen 335 Millionen freigegeben wurden. Davon waren 237 Millionen Dollar für 14 Wiederaufbauprojekte bestimmt, wie aus dem im Juni veröffentlichten ersten Jahresbericht des Fonds hervorgeht.

Größter einzelner Geber sind die USA mit einem Beitrag von 120 Millionen Dollar, gefolgt von Kanada, Japan, Norwegen und Spanien.

Hilfe aus den Entwicklungsländern

Die wohl höchsten kollektiven Zusagen kamen von der aus Zwölf-Staaten-Union Südamerikanischer Staaten (UNASUR). Sie hat Haiti Hilfe in Höhe von 100 Millionen Dollar zugesagt und bereits mindestens 65 Prozent des Betrags ausgezahlt. Peru ist mit zehn Millionen am UNASUR-Sonderfonds für Haiti beteiligt.

Kuba unterstützt im Rahmen der südamerikanischen Initiative ´Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerikas´ den Aufbau des haitianischen Gesundheitssektors. Venezuela wiederum hat nicht nur Haitis Schulden gegenüber seinem ´Petrocaribe´-ölprogramm in Höhe von 400 Millionen Dollar erlassen, sondern fördert die Arbeit der kubanischen Ärzte vor Ort mit 20 Millionen Dollar. Auch sind 50 Millionen Dollar in einen Haiti-Hilfsfonds eingeflossen.

Mexiko hatte gleich nach dem Erdbeben 15.000 Tonnen Hilfsgüter nach Haiti entsandt und einen Solidaritätsfonds eingerichtet, der aus staatlichen und privaten Geldern gespeist wird, die für den Wiederaufbau des Gesundheits- und Bildungsbereichs bestimmt sind.

Auch aus Afrika kommt Hilfe. So hat Gabun für den Wiederaufbau eine Million Dollar bereitgestellt.

600.000 Menschen noch in Übergangslagern

Jedoch leben mindestens 600.000 Haitianer immer noch in Zeltstädten. Die hygienischen Zustände sind dort besorgniserregend. Durch eine im vergangenen Oktober ausgebrochene Cholera-Epidemie starben bislang mehr als 5.500 Menschen.

Neben Gebern aus reichen und armen Ländern sind auch internationale Organisationen einschließlich der Vereinten Nationen, der Weltbank, der Europäischen Union, der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IaDB) und des IBSA-Bündnisses aus den drei Schwellenländern Brasilien, Indien und Südafrika beteiligt.

Indiens UN-Botschafter Hardeep Singh Puri sagte, sein Land habe unmittelbar nach dem Erdbeben einen "bescheidenen Beitrag" von fünf Millionen Dollar geleistet und danach 500.000 Dollar für den UN-Nothilfefonds CERF bereitgestellt. "Wir haben außerdem den Wiederaufbau eines von der haitianischen Regierung zu bestimmenden Ministeriums zugesagt."

IBSA will auch den gemeinsamen Treuhandfonds zum Abfallmanagement erweitern, um den Erdbebenopfern Unterkünfte, Trinkwasser und sanitäre Anlagen verfügbar zu machen. Die drei Staaten haben dafür bereits mehr als zwei Millionen Dollar bereitgestellt, die teils auch für den Aufbau eines öffentlichen Gesundheitszentrums in Haiti bestimmt sind.

Wie aus dem im Juli veröffentlichten HRF-Jahresbericht hervorgeht, hängt der Erfolg des haitianischen Wiederaufbaus von umfangreichen Investitionen in Schlüsselbereichen wie der Landwirtschaft, des Arbeitsmarktes und der Bildung ab.

Regierung praktisch handlungsunfähig

Der HRF-Manager Josef Leitmann äußerte sich allerdings zurückhaltend: "Wir müssen realistisch sein und uns klar machen, dass der Wiederaufbau unter diesen besonders harten Bedingungen Zeit erfordert", sagte er IPS. Auch in der indonesischen Erdbebenregion Aceh und in den von Hurrikan ´Katrina´ zerstörten Gebieten im Süden der USA seien nur langsame Fortschritte verzeichnet worden. In Haiti komme erschwerend hinzu, dass die Kapazitäten der Regierung begrenzt seien und die Infrastruktur schlecht entwickelt sei.

Der UN-Sicherheitsrat hatte die neue Regierung Haitis von Präsident Michel Martelly im Mai aufgefordert, sich auf den Wiederaufbau und die Stabilisierung der rechtsstaatlichen Ordnung im Land zu konzentrieren. Der Streit über die Wahl des Premierministers hat im Parlament allerdings zu einer Pattsituation geführt, die die Handlungsfähigkeit der Regierung lähmt.

Thalif Deen, IPS-Weltblick