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Schlagzeilen, Demonstrationen, Handgemenge

Neues Abtreibungsgesetz sorgt in Peru für hitzigen Streit.

Lima. Die Demonstrationen führten bis zum Handgemenge: Ein neues Abtreibungsgesetz sorgt nun auch in Peru für heftige Auseinandersetzungen. Frauenrechtler, die es Schwangeren selbst überlassen wollen, ob und wann sie einen Fötus abtreiben, liefern sich erbitterte Gefechte mit Abtreibungsgegnern. Unter der Woche musste die Polizei in Lima rigoros einschreiten, um die tätlichen Auseinandersetzungen zu beenden.

Bislang ist Abtreibung in dem Andenstaat nur erlaubt, wenn das Leben der werdenden Mutter in Gefahr ist. Nun geht es darum, ob die Frau ein "Recht" bekommen soll, die Schwangerschaft zu abzubrechen, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung war oder der Fötus schwere Missbildungen aufweist. Über eine Ausweitung des Paragrafen diskutiert ab Dezember das Parlament.

In der Bevölkerung ist das Vorhaben umstritten. Laut Umfrage der Universität von Lima sprechen sich 59 Prozent der Peruaner für eine straffreie Abtreibung aus, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Rund 48 Prozent sind dafür, wenn eine Vergewaltigung vorangegangen ist. Einen Schwangerschaftsabbruch aus wirtschaftlichen Gründen oder wenn die werdende Mutter noch minderjährig ist, lehnen hingegen 80 Prozent der Befragten ab.

Ein gemischtes Stimmungsbild, wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas - und entsprechend hitzig gehen die Debatten weiter.Vor allem die einflussreiche katholische Kirche des Landes ist mit ihrem strikten Lebensschutz ins Visier radikaler Reformbefürworter geraten. Ordensfrauen wurden mit sexistischen Parolen angegriffen; Kirchenvertreter sind Zielscheibe heftiger Kritik.

Der größte Buhmann der Befürworter ist Kardinal Juan Luis Cipriani. Wäre er selbst schwanger, würde Abtreibung bestimmt heiliggesprochen, hieß es polemisch auf einem Plakat. Der Hauptstadt-Erzbischof wird als Feind des Fortschritts und der Frauen beschimpft. Dieser wiederum betont immer wieder, dass viele Abtreibungen im "Machismo" der Männer begründet seien. Diese verlangten oftmals gegen den Willen der Frauen den Abbruch von Schwangerschaften. Der Kardinal spricht von Abtreibung als einer "Todesstrafe" für unschuldige Ungeborene und bot an, dass sich die Kirche um die ungewollten Kinder kümmern werde.

Gesundheitsminister Oscar Ugarte rief Befürworter und Gegner einer Liberalisierung zur Ruhe auf und verurteilte polemische Attacken beider Seiten. Staatspräsident Alan Garcia hingegen schweigt zu dem Thema, obwohl er bislang immer wieder betonte, eine Abtreibungslegalisierung abzulehnen.

Gegner wie Befürworter der Pläne können sich auf beunruhigendes Zahlenmaterial stützen. Nach Aussage von Nichtregierungsorganisationen treiben landesweit etwa 400.000 Frauen jährlich ab. Insbesondere auf dem Land geschieht dies unter prekären und unhygienischen Bedingungen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums liegt Abtreibung in Peru an vierter Stelle der Todesursachen. Rund 1.800 Frauen sterben demnach jedes Jahr an den Folgen der Eingriffe. Zum Vergleich: In Deutschland mit seiner fast drei mal höheren Einwohnerzahl lag die Zahl der registrierten Schwangerschaftsabbrüche im vergangenen Jahr bei 122.000.

Text: Huberta von Roedern (KNA)