Guatemala |

"Schlächter der Indigenen" muss sich Vergangenheit stellen

Draußen vor dem Gerichtssaal warten tausende Menschen. Drinnen nimmt der Mann, der Guatemala spaltet, im Blitzlichtgewitter Platz. Der "Schlächter der Indios" kommt im schlichten, grauen Anzug und zieht es vor zu schweigen. Ex-Präsident Efrain Rios Montt wird in Guatemala der Prozess gemacht. Das mittelamerikanische Land wagt sich damit an die Aufarbeitung eines besonders blutigen Kapitels seiner Geschichte.

Im ersten Anlauf ist der ehemalige Diktator des mittelamerikanischen Landes gescheitert. Am Donnerstag (Ortszeit) schmetterte Richter Miguel Angel Galvez nach Informationen der Tageszeitung "Siglo XXI" in Guatemala-Stadt den Antrag der Verteidiger auf Amnestie ab. Prozessbeobachter rechnen nun damit, dass der Weg frei ist, die jüngere grausame Geschichte Guatemalas juristisch aufzuarbeiten.

"Was wir erwarten, ist Gerechtigkeit. Die Fälle dürfen nicht ungestraft bleiben. Tausende von Kindern, Frauen und Männern wurden massakriert", sagt Juana Alicia Tiquira, die bereits während des ersten Prozesstages mit vielen anderen Demonstranten vor dem Gericht Position bezogen hatte. "Wir alle warten nun hier draußen, egal ob es kalt oder heiß ist. Das macht uns nichts aus."

Durch einen Militärputsch kam Rios Montt vor 30 Jahren die Macht. Seine Amtszeit dauerte gerade mal 15 Monate - doch von März 1982 bis August 1983 war der heute 85 Jahre alte Politiker für eine brutale Schreckensherrschaft verantwortlich, die selbst im brutalen guatemaltekischen Bürgerkrieg ihresgleichen suchte.

Im Gerichtssaal ist Rios Montt nun mit der Vergangenheit konfrontiert. Unter den Zuschauern befinden sich viele Angehörige der Opfer des Bürgerkriegs. Einige tragen die traditionellen Trachten der Maya. Bei seiner bisher einzigen öffentlichen Stellungnahme richtet er immer wieder den Blick auf die Zuschauerränge, als ob er von ihnen Verständnis erhofft: "Das Gericht sollte uns die Möglichkeit geben, beide Seiten der Medaille zu diskutieren, so dass wir ein gerechtes Ergebnis erreichen können. Das ist es, was die Opfer erwarten. Gerechtigkeit, keine Rache."

Die Vorwürfe gegen den Ex-Diktator sind gewaltig. Einem UN-Bericht zufolge haben Rios Montts Schergen 448 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Das brachte ihm den Spitznamen "Schlächter der Indios" bei. Vor allem die Gewalt gegen die indigenen Bevölkerungsgruppen haben weltweit die Aufmerksamkeit auf den Prozessbeginn Ende Januar in Guatemala gelenkt.

Rios Montt ist eine der schillerndsten, aber auch umstrittensten Figuren der politischen Landschaft Guatemalas. Einst als Präsidentschaftskandidat eines Mitte-Links-Bündnisses gescheitert, kämpfte er später mit Rückendeckung der USA gegen kommunistische Guerilla-Einheiten. Weil er die Maya beschuldigte, die Guerilla zu unterstützen, mussten Tausende unschuldiger Indios ihr Leben lassen.

Auch als Pastor und Prediger für eine evangelikale Sekte war Rios Montt aktiv. Nach einer in Guatemala verbreiteten Legende heißt es, er sei im März 1982 während einer Bibelstunde von Soldaten aufgefordert worden, sich an die Spitze der Militärjunta zu stellen. Es begann eine Schreckensherrschaft, ehe rivalisierende Militärs ihn an der Spitze des Staates ablösten.

Bis vor kurzem genoss Rios Montt als Abgeordneter parlamentarische Immunität. Sie bewahrte ihn davor, sich der Verantwortung für die Gräueltaten stellen zu müssen. Doch seit er nicht wiedergewählt wurde, schöpfen Menschenrechtsorganisationen Hoffnung, dass er sich doch noch der Vergangenheit stellen muss. Die Weichen dafür wurden nun gestellt. In den nächsten Wochen und Monaten wird Guatemala den Prozess aufmerksam verfolgen.

Quelle: KNA / Tobias Käufer