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Schandfleck Cancün

Ihre Schönheit mag der Grund dafür gewesen sein, die mexikanische Stadt Cancún als Tagungsort der nächsten Weltklimakonferenz auszuwählen. Der Klimaschutz kann es nach Ansicht lokaler Umweltschützer jedenfalls nicht gewesen sein.

"Cancún ist ein Schandfleck, und ich kann mir nicht erklären, warum ausgerechnet hier der Gipfel stattfinden soll", meint Guadalupe Álvarez von der Organisation ´Cielo, Tierra y Mar´ (Himmel, Erde und Meer). "Cancún ist, was den Klimaschutz angeht, eher ein abschreckendes Beispiel."

Vom 29. November bis 10. Dezember werden sich die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention am südöstlichsten Zipfel des lateinamerikanischen Landes einfinden, um ein globales Abkommen zur Verringerung der klimaschädlichen CO2-Emissionen auszuhandeln.

800 Tonnen Müll pro Tag

Bekannt ist Cancún vor allem als beliebtes Feriendomizil. Hier werden die 900.000 Einwohner der Stadt im Bundesstaat Quintana Roo jedes Jahr von einem Tourismusboom ohnegleichen heimgesucht. Von den elf Millionen Touristen, die in diesem Jahr nach Mexiko kamen, verschlug es sechs Millionen nach Cancún.Vier Milliarden US-Dollar ließen die Gäste in der Stadt – und jede Menge Müll.

Nach offiziellen Angaben fallen in Cancún durchschnittlich 800 Tonnen Müll pro Tag an. Die Kapazitäten der einzigen, offiziell genehmigten Müllkippe sind erschöpft. Hinzu kommen die Schäden, die der Tourismussektor an Mangroven und Korallen anrichtet.

Mangrovenwälder schrumpfen

Quintana Roo ist mit 64.755 Hektar der mangrovenreichste Bundesstaat Mexikos. 11.392 Hektar Mangrovenwald sind es vor Cancún. Doch jedes Jahr, das belegen Zahlen des Nationalen Statistikamts, gehen dort 4,84 Prozent der Fläche verloren.

Abgesehen von der Bedeutung, die den Mangrovenwäldern als Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten zukommt, sind sie Filter, Wellenbrecher, Erosionsschutz und Klimasenken zugleich. Sie sind Teil der mexikanischen Feuchtgebiete, die 2008 1,48 Millionen Tonnen CO2 absorbierten, wie dem ´Global Peatland CO2 Picture´ von ´Wetlands International´ zu entnehmen ist.

Entwaldung und Erosion

Mexiko generiert 715,3 Millionen Tonnen CO2. Der Output ist nach Angaben des mexikanischen Umweltministeriums zu 9,9 Prozent auf Entwaldung zurückzuführen. Hinter der Zerstörung der Cancúner Mangroven steckt vor allem die mächtige Tourismusindustrie. Ihr wirft PROFEPA, eine Kontrollbehörde des mexikanischen Umweltministeriums, unter anderem vor, die zulässige Obergrenze von 30.990 Fremdenzimmer um 5.862 Zimmer überschritten zu haben.

Der PROFEPA-Beauftragte Juan Elvira hatte bereits 2009 das Umweltministerium informiert, dass die Expansion des Tourismus zu einem besorgniserregenden Verlust der Vegetation in Küstennähe geführt und somit Bodenerosion und Sandverlust begünstigt habe. "Die Erosion nimmt gemäß der menschlichen Aktivitäten zu", sagte Elvira damals. "Daran lässt der Blick auf die Hotelanlagen, die in den Dünen errichtet wurden, keinen Zweifel."

Druck auf die Korallen wächst

Die Wirbelstürme Wilma (2005) und Ina (2009) hatten von den insgesamt neun Millionen Kubikmeter Sand Cancúns ganze 700.000 Kubikmeter übrig gelassen. "Ohne die Korallenriffe wären die weißen Sandstrände ohnehin längst verschwunden", meint dazu Roberto Iglesias-Prieto, Wissenschaftler am Institut für Meereswissenschaften und Seenkunde der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko.

Das Mesoamerikanische Riff erstreckt sich über eine Länge von 1.100 Kilometern von der Nordostküste der Halbinsel Yucatán in Quintana Roo über Belize und Guatemala zu den honduranischen Bahía-Inseln. Überfischung. Wasserverschmutzung und Klimawandel setzen dem zweitgrößten Riff der Welt nach dem ´Great Barrier Reef´ vor Australien jedoch immer weiter zu.

Neun Millionen Kubikmeter Sand nach Hurrikans

Nach den beiden Hurrikans investierte die Hotelindustrie 80 Millionen US-Dollar, um die Strände von Cancún, Carmen- und Cozumel wieder aufzuschütten. Neun Millionen Kubikmeter Sand wurden dafür von anderen Stränden angeliefert.

Ein Wahnsinn, wie Umweltaktivistin Álvarez meint. Sie hatte sich im Juli mit einer Beschwerde an das Sekretariat für öffentliche Angelegenheiten, eine Anlaufstelle für besorgte Bürger, gewandt. Nachdem eine Reaktion ausgeblieben ist, schrieb se im September einen Brief an Staatspräsident Felipe Calderón.

Das mexikanische Umweltministerium hat inzwischen neue Normen für die Tourismusbranche angekündigt. So soll sich die Branche künftig an Regeln halten, die den Einsatz erneuerbarer Energie fördern. Auch sollen Vorschriften für die Auswahl der Baumaterialien, der Vegetation, und für den Umgang mit Brauchwasser gelten. Ferner sollen Mangrovenwälder als Baugrundstücke künftig tabu sein.

Autor: Emilio Godoy in: IPS-Weltblick