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Sachamanta Vom Mut zur „zivilen Selbsthilfe“

Die Kleinbauernfamilien in Nordargentinien kämpfen seit Jahren um ihr Land. Besser geworden ist ihre Situation, seit sie eigene Radiostationen aufgebaut haben, die sie kollektiv betreiben. Die Regisseurin Viviana Uriona hat die Kraft und den Mut dieser Selbstorganisation in einem beeindruckenden Dokumentarfilm eingefangen.

Sachamanta nimmt einen gleich mit aufs Land, ohne viel Federlesen. Hinein in die Dörfer der Provinz Santiago del Estero, im Norden Argentiniens, mitten unter die Leute. Die in aller Ruhe zu erzählen beginnen, von der Freude über eine gut wachsende Baumwollpflanze, von der Zufriedenheit des Lebens mit der Dorfgemeinschaft und von den Schrecken, wenn plötzlich Männer vor der Tür stehen, bewaffnet manchmal, und behaupten, das Land, auf dem die eigene Hütte steht und seit Generationen die eigenen Ziegen weiden, gehöre ihnen. Was nun?

Der 50-minütige Dokumentarfilm nimmt sich Zeit, um diese Geschichte zu erzählen, die davon handelt, wie die Dorfbewohner aus der Region langsam damit beginnen, sich zu organisieren, um sich gegen Begehrlichkeiten von Großgrundbesitzern und Spekulanten zu wehren. Und, wie sie nach einer Weile feststellen müssen, dass sie selbst unter anderen Landbewohnern als „Guerilleros“ verschrien sind. Denn es gab keinen Ort, an dem sie sich mit ihrer eigenen Stimme Gehör verschaffen konnten, ihre Sicht der Dinge darstellen. Also schaffen sie sich diese Orte selbst, „Es braucht niemanden von außen!“, sagt ein Mann der erzählt, wie er zum ersten Mal Radio gemacht hat.

Radio als kollektive Erfahrung

Es dauert dann alles ein bisschen, fünf Jahre haben die in der Organisation Mocase – Via Campesina zusammengeschlossenen Landbewohner miteinander diskutiert, bis sie genau wussten, was sie wollen. Sie reden so lange miteinander, bis ein Konsens gefunden ist, erklären sie im Film. Aber dann haben sie nacheinander gleich mehrere Radiostationen aufgebaut. Seitdem, sagen die Menschen, hat sich die Situation komplett geändert. Es gehe ihnen besser. Nicht gut, aber besser. Sie würden jetzt anders wahrgenommen. Sie sind selbstbewusster geworden. Sie, das sind immerhin 20.000 Familien, die in der Provinz in Landkonflikte verwickelt sind. Um 3 Mio. Hektar Land wird gestritten, 200 Anzeigen gegen Kleinbauern laufen, 212 schwere Landkonflikte sind ungelöst.

Die Radios haben kein starres Programm, die Menschen sollen vorbeikommen können, wenn sie gerade auf dem Weg sind zum Einkauf, zur Versammlung, zu Verwandten. Sie können berichten von der Situation im Dorf, von ihrer Familie erzählen, sich gegenseitig Tipps geben, Grüße verschicken oder zu Protesten aufrufen. Sie trauen sich vors Mikrofon. Das gibt Kraft. „Paisa ist im Radio! Wenn der sich ohne Angst vors Mikro setzt, kann ich das auch versuchen“, schildert Paisa, der nur einen Grundschulabschluss hat, die Reaktionen auf seine ersten Versuche vor dem Mikro.

Die Krümel vom Rand

Es sind schummrige Buden, in denen die Radialistas sitzen, aber das macht nichts. Sie haben wichtige Botschaften, die noch im entferntesten Winkel der Region gehört werden und vernetzen helfen, Mut machen. Darauf kommt es an. Und darauf, dass alle mit dabei sind, wie eine Frau am Anfang sagt, die beim Teig kneten gefilmt wird. Da müsse auch immer alles in Bewegung bleiben, wie bei der Kleinbauernbewegung. Sonst wird es nichts, sagt sie. „Es gibt immer kleine Krümel, die am Rand kleben bleiben“, erklärt sie, während ihre kräftigen Hände werkeln. Diese Krümel vom Rand, sagt sie, die müssten wieder ins Ganze hinein.

Der Film besteht fast nur aus Interviews, einen Off-Kommentar gibt es nicht. Und es braucht ihn nicht. Die Interviews laufen manchmal teilweise im Off, bevor die Protagonisten zu sehen sind. Die Namen der Dörfer und der Menschen fehlen. Fehlen sie? Nein, sie fehlen eben nicht, es geht um kollektive Erfahrungen. Die Bildschnitte sind angenehm rhythmisch, eine gewisse Entschleunigung setzt sich in der Bildsprache fort.

Partizipativer Ansatz

In der ersten Hälfte des Films geht es nur um die Landkonflikte, dann erst kommt der Schwenk zum Radio. Doch das hat seine innere Logik und die Kraft, die sich auf dem Weg dieser Selbstorganisation entfaltet hat, transportiert auch der Film. Viele Aufnahmen sind mit partizipativer Kamera gemacht worden, das heißt, es wurde gemeinsam mit den Protagonisten entschieden, was gefilmt wird.

Zu kurz kommt im Film leider Verortung des Geschehens, ohne Vorwissen zu Landkonflikten und ein wenig Informationen zu Argentinien und der Region, könnte es schwierig sein, sich auf diese Erzählung einzulassen. Herausgekommen ist aus diesem Projekt, das ursprünglich nur als Teil der Recherche für die Dissertation der Medienaktivistin und Politologin Viviana Uriona war, ein sehr sehenswerter Dokumentarfilm, der Mut macht, "sich zu bewegen".

Autorin: Bettina Hoyer

Der Film wird noch bis Ende November in vielen deutschen Kinos zu sehen sein (siehe weitere Informationen). Die nächsten Termine sind:

Berlin, Kino Moviemento am 22. Oktober um 19.00 Uhr
Berlin, Kino Acud am 25. Oktober um 19.00 Uhr
Berlin, Kino Lichtblick am 29. und 30. Oktber jeweils um 19.00 Uhr
Berlin, Kino Brotfabrik, am 15. und 16. November jeweils um 18.00 Uhr
Dresden, Wir-AG, am 21. November um 19.00 Uhr

Partizipativ ist auch das Konzept des Vertriebs: Wer eine Vorstellung organisieren möchte, kann sich einfach bei den Kameradisten melden.