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Rückblick auf das Jahr 2009

Im zu Ende gehenden Jahr hat die katholische Kirche in Lateinamerika zahlreiche Turbulenzen erleben müssen. In Honduras avancierte Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga auf dem Höhepunkt der Verfassungskrise in dem kleinen mittelamerikanischen Land zum Lieblingsgegner der überwiegend sozialistisch regierten Länder Lateinamerikas.

Von Anhängern des Ende Juni gestürzten Präsidenten Manuel Zelaya als "Putsch-Kardinal" gebrandmarkt, wehrt sich Lateinamerikas wohl prominentester Kirchenführer vergeblich gegen Vorverurteilungen von links: "Was wir getan haben ist, zu sagen, dass es sich um eine verfassungskonforme Ablösung des Präsidenten handelte, dass wir aus den Fehlern lernen müssen und dass wir zur Versöhnung aufrufen. Doch am gleichen Tag haben sie uns als Putschisten beleidigt. Nach so vielen Jahren der Militärdiktatur gibt es wohl kaum eine schlimmere Beleidigung." Jetzt will der am 29. November gewählte Präsident Porfirio Lobo Sosa (61) durch einen "nationalen Dialog" und eine Amnestie - nicht für Zelaya - mit allen Sektoren der Gesellschaft Versöhnung bewirken.

An Beleidigungen haben sich die Bischöfe in Venezuela längst gewöhnt. Die Dauerfehde mit Hugo Chavez erlebt ihre verbalen Neuauflagen im Monatsrhythmus. Der Staatschef wirft der Kirche eine reaktionäre Gesinnung vor und beschimpft die Bischöfe als Vertreter der Inquisition, der Dunkelheit und der extremen Rechten. Mal ist es ein neues Erziehungsgesetz, mal der Vorstoß der Kirche für eine Amnestie politischer Gefangener: Der Graben zwischen Staat und Kirche ist in keinem lateinamerikanischen Land derzeit so tief wie in Venezuela.

Auch in Bolivien - Venezuelas engstem Verbündeten - wächst der Druck auf die katholische Kirche. Erzbischof Edmundo Abastoflor Montero (La Paz) umschreibt die Probleme diplomatisch: Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sei von "einer gewissen Distanz" geprägt. Für die Seelsorger in den Gemeinden bedeutet das vor allem Behinderungen in ihrer Arbeit für die sozial Schwachen.

Entspannung in Kuba

Dafür mehren sich in Kuba Zeichen der Entspannung: Während Menschenrechtsorganisationen bislang keine wesentliche Verbesserung der Situation für die politische Opposition auf der Karibikinsel erkannt haben, zollte der Papst den Indizien für eine öffnung seinen Respekt. Die Rückgabe und der Bau von Kirchen, die Zulassung von Gottesdiensten in Gefängnissen sowie von Prozessionen seien erste Schritte in Richtung freier Religionsausübung. Der Vatikan revanchierte sich mit erneuter Kritik am jahrzehntelangen US-Embargo. Kubas Kirche ergriff die Chance beim Schopf: Mit Hilfe der neuen Medien will sie einen direkten Draht zu den Gläubigen spannen: Blogs und Internetportale sind Belege für eine vorsichtige Liberalisierung des staatlichen Meinungsmonopols.

Ein politisches Comeback feiert unterdessen in Kolumbien der ehemalige Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos (80). Der konservative Staatspräsident Alvaro Uribe beauftragte den wegen seiner Rolle im Fall des britischen Holocaust-Leugners und traditionalistischen Bischofs Richard Williamson in die Kritik geratenen Kardinal mit einer delikaten Aufgabe: Castrillon soll in dem seit mehr als 40 Jahre andauernden Konflikt zwischen der marxistischen Rebellenorganisation FARC und dem Staat vermitteln. Nun plant Castrillon ein baldiges Treffen mit Alfonso Cano, dem Befehlshaber der Rebellenarmee, und hofft auf die ganz große Lösung: Ein Dialog mit der FARC könne nicht nur die Freilassung von Geiseln zum Thema haben, sondern auch ein mögliches Friedensabkommen beinhalten.

Missachtung der Verfassungen

In einem Punkt sind sich Lateinamerikas Bischöfe länderübergreifend einig: Den grassierenden Virus der willkürlichen Verfassungsänderungen mit dem Ziel, die Amtszeiten der jeweiligen Machthaber zu verlängern, lehnen sie durchweg ab. Kolumbien, Ecuador, Venezuela, Bolivien und Nicaragua - fast überall steht die Kirche dem Ansinnen kritisch gegenüber, unabhängig davon, welchem politischen Lager der jeweilige Staatschef angehört. In Kolumbien rieten die Bischöfe Präsident Uribe aus Sorge um die Demokratie öffentlich von einer dritten Kandidatur in Folge ab. "Ich glaube, es ist wichtig für das Land, dass es eine Erneuerung gibt", erklärte Kardinal Pedro Rubiano Saenz (Bogota). Uribe habe dem "Land mit absoluter Hingabe gedient und konnte für Kolumbien sehr viel Gutes umsetzen". Aber in einer Demokratie sei es notwendig, dass es auch einen Wechsel gebe.

In Nicaragua warnt die Kirche gar vor einer neuen Diktatur und wandte sich gegen eine Entscheidung des obersten Gerichtshofes, der eine mögliche Wiederwahl des amtierenden Staatspräsidenten Daniel Ortega für verfassungskonform erklärte, obwohl dies die aktuelle Konstitution ausschließt. "Die traurige Wahrheit ist, dass die Verfassung für die Regierenden nur noch ein Stück Toilettenpapier ist", erklärte Bischof Juan Abelardo Mata Guevara (Esteli). Der einstige sandinistische Revolutionsführer könnte 2011 bereits zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt werden. Er folgt mit seinen Bestrebungen den Beispielen der Präsidenten Hugo Chavez in Venezuela oder Evo Morales in Bolivien, die für ihre Wiederwahl die Verfassung geändert haben. In Honduras führte Zelayas entsprechender Versuch zu einer schweren Verfassungskrise.

Erfolglose Armutsbekämpfung

Einig ist sich die Kirche Lateinamerikas, dass Erfolge im Kampf gegen die Armut auf dem Subkontinent ausbleiben. In Argentinien beklagen die Bischöfe fehlende Konzepte der Regierung gegen die wachsende Not der Menschen. In Venezuela prangert die Kirche die milliardenschweren Waffenkäufe der Chavez-Regierung an, während die Kriminalitätsrate steige und die Armut ständig wachse. In Honduras verlangt Kardinal Rodriguez als Konsequenz aus der Krise, endlich den Fokus auf die eigentlichen Probleme des Landes zu lenken. In Mexiko ist die Armut der Nährboden für die immer mächtiger werdenden Drogenkartelle.

Weder die konservativen noch die sozialistischen Regierungen Lateinamerikas hätten - allen Versprechungen zum Trotz - Mittel gefunden, die Armut in ihren Ländern wirksam zu bekämpfen, konstatierte unlängst der Lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM). Sein Präsident, der brasilianische Erzbischof Raymundo Damasceno Assis (Aparecida), ruft angesichts der im ablaufenden Jahr gemachten Erfahrungen die Weltgemeinschaft dazu auf, gemeinsam gegen den Drogenhandel zu kämpfen.

Der Drogenhandel, so Assis, sei eines der größten Probleme der Region und nur durch eine übergreifende Zusammenarbeit in den Griff zu bekommen. Man müsse unterscheiden zwischen jenen, die Drogen konsumieren, und jenen, die sie produzieren oder verkaufen: "Die, die Drogen konsumieren, brauchen Hilfe und Behandlung", so der Erzbischof. Gegen die, die Produktion und Handel mit Drogen vorantrieben, müsse mit aller Konsequenz gekämpft werden. Aus gutem Grund: Allein Mexiko meldet 2009 mit fast 8.000 Toten im Drogenkrieg einen neuen Rekord.

Quelle: kna