Mexiko |

Roman über den Wert der Kreatur

Isabelle tritt das Erbe ihrer verstorbenen Schwester an. Ihr gehören jetzt die Thunfischfabrik an der Pazifikküste und die kleine Flotte von Fangbooten, die den Roten Thun aus dem Meer holt. Sie übernimmt jedoch auch wirtschaftliche und moralische Probleme, da der Fischfang vor der Küste Mexikos von militanten Tierschützern aus den USA bekämpft wird. Mehr noch: Als Isabelle ihr Erbe in Augenschein nimmt, findet sie auf dem Anwesen eine Art „wildes Kind“, ein verwahrlostes Mädchen, das zur Interaktion mit seiner Umgebung kaum fähig ist und das die Zusammenhänge der Welt und seine eigene Position darin erst mühsam erlernen muss. Sie nimmt sich des Mädchens an und gibt ihm den Namen Karen.

Autistische Ich-Erzählerin

Karen leidet unter einer Form des Aspergersyndroms – anders ausgedrückt: sie ist Autistin. Sie hat Schwierigkeiten im Sozialverhalten, kann die Feinheiten der nicht-sprachlichen Kommunikation nicht deuten, und ihr fehlt die Fantasie, um sich zu verstellen oder zu lügen. Karens IQ ist äußerst niedrig. Dafür besitzt sie besondere Begabungen auf wenigen, hoch spezialisierten Feldern, etwa ein zu 100 Prozent ausgeprägtes visuelles Gedächtnis oder eine große Zuneigung zu Tieren.

Karen ist die Ich-Erzählerin des unkonventionellen Romans „Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte“. Erdacht hat sich Karen und ihre Geschichte die mexikanische Schriftstellerin Sabina Berman, die in ihrem Heimatland für Prosatexte, Gedichte und Theaterstücke bekannt ist. Mit dem in deutscher Übersetzung erschienenen Buch kann man Sabina Berman auch bei uns kennenlernen.

Alternativer Blick auf die Zusammenhänge der Welt?

Nun sind Geschichten mit autistischen Protagonisten so eine Sache: Zwar gewähren sie einen alternativen, meist unverstellten Blick auf die bekannte Welt. Ein solcher Blick ist aber nur aufschlussreich, wenn er zu mehr genutzt wird als lediglich zur Herausarbeitung von Konflikten und komischen Einlagen, über die herzhaft gelacht werden darf. Im vorliegenden Fall gelingt es Sabina Berman tatsächlich, eine gute Portion Erkenntnis zu vermitteln. Sie liefert vor allem einen frischen Blick auf die Fragen des Tierschutzes und auf den Wert der Kreatur – der Tiere, die von der Nahrungsmittelindustrie teils gefangen, teils gezüchtet werden, die aber stets auf dem Teller landen, sowie der menschlichen Kreatur. Die Figur Karen, die nicht lügt und ihre Meinung nicht zurückhält, die schnell erzürnt ist und spontane Entscheidungen trifft, ist hierfür ein probates Mittel.

Zunächst verbringt die junge Frau viel Zeit in der Fischfabrik und fährt mit den Fischern auf das Meer hinaus. Man kann den Roman allein deshalb spannend finden, weil die Autorin die Hochsee fast als eigenständige Figur entwirft, zu der Karen eine Beziehung aufbaut. Später geht Karen zum Studium der Zoologie in die Vereinigten Staaten. In diesen Kapiteln werden die Strategien der jungen Autistin, mit denen sie die Konfrontation mit Fremden meistert, humorvoll herausgearbeitet: „Wenn mich auf dem Korridor jemand ansprach, blickte Ich durch das nächste Fenster nach draußen oder zog meine Uhr auf, um dem gesprächigen Unbekannten nicht in die Augen sehen zu müssen. Leider stellte sich heraus, dass die Hauptbeschäftigung der Studenten darin bestand, zu reden und zu reden und zu reden, in den Gängen, im Park oder auf den Treppen zu stehen und mit dem Mund Klangfelder zwischen sich zu schaffen und sich in die Pupillen zu schauen. Eingeschlossen in ihre Standardmenschenwelt.“

Stressfreies Schlachten und wirtschaftliche Interessen

In der „Standardmenschenwelt“ lernt Karen zwei prägende Männer kennen: Sie arbeitet für einen Professor namens Huntington, der eine Tierverarbeitungsfabrik entworfen hat, in welcher die Tiere angeblich stressfrei geschlachtet werden. Karen hingegen glaubt, dass die Tiere dort einen qualvollen Tod sterben, und konzentriert sich fortan auf die Entwicklung eines möglichst sanften Verfahrens für den Fang, den Transport und die Tötung von Meerestieren. Der zweite Mann ist der gewiefte Unternehmer Gould, der den kommerziellen Wert von stressfrei gefangenem Thunfisch taxiert und sich in das mexikanische Unternehmen einkauft. Karen lernt die Welt der superreichen Geschäftsleute aus Tokio und Moskau kennen, die teure Meeresprodukte verzehren – und zwar aus einem einzigen Grund: weil sie es sich leisten können. Schnell gerät Karen ins Visier der US-Tierschützer, die solche Geschäfte ablehnen. Als Autistin erkennt sie in der Argumentation der Aktivisten keine stichhaltige Logik und ignoriert sie einfach. Ein folgenschwerer Fehler.

Mit „Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte“ kommt aus Mexiko nicht nur die turbulente Geschichte über eine Außenseiterin, sondern auch eine romanhafte Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen, die den Wert der Kreatur und das Wesen der Kreatur Mensch erfassen wollen.

Autor: Thomas Völkner

Sabina Berman: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte, übersetzt von Angelica Ammar, Frankfurt/Main: S. Fischer 2011, 303 Seiten, EUR 19,95, ISBN 978-3-10-021606-9.