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Risse im Wirtschaftswunderland

Kopf-an-Kopf-Rennen bei Wahlen in Peru erwartet.

«Ich will vollenden, was ich in meiner ersten Präsidentschaft nicht mehr machen konnte - nämlich das Wachstum verteilen», verkündete Alejandro Toledo pathetisch. Noch vor drei Wochen schien es, als ob die Peruaner bei der Wahl ihres Präsidenten am morgigen Sonntag auf Nummer Sicher setzen und Toledo ins höchste Amt wählen würden. Der 65-jährige Wirtschaftswissenschaftler mit den indianischen Wurzeln und dem Doktortitel aus den USA hatte das Land bereits von 2001 bis 2006 recht erfolgreich regiert. Unter seiner Ägide wurden die Demokratie gefestigt und die Grundlagen für das bis heute anhaltende Wirtschaftswachstum gelegt.

Keine Begeisterungsstürme

Dass Toledo bei vielen Peruanern dennoch keine Begeisterungsstürme hervorruft, liegt denn auch weniger an seiner Regierung als an seinem Alkoholkonsum und seinem als liederlich und frivol empfundenen Lebensstil. Unmittelbar vor den Wahlen muss Toledo nun plötzlich um den Einzug in die zweite Runde bangen. Überholt hat ihn in den Umfragen der ehemalige Offizier Ollanta Humala. Der 48-Jährige war vor fünf Jahren nur knapp dem nun scheidenden Präsidenten Alan Garcia unterlegen. Als Kandidat eines linksnationalistischen Wahlbündnisses steht er für jene Peruaner, die mit dem bisherigen wirtschaftlichen Kurs nicht zufrieden sind.

Das mag überraschen - denn dank seiner Edelmetall- und Agrarexporte schreibt Peru seit zehn Jahren eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Dem Besucher Limas tritt dies unmittelbar vor Augen: In der Hauptstadt wird ein Hochhaus nach dem anderen hochgezogen. Die Straßen sind verstopft mit blitzenden Geländewagen. Sogar eine eigene Marke «Peru» hat das Außenhandelsministerium kreiert und vor wenigen Wochen an der Wall Street stolz der Welt präsentiert.

Risse in der Fassade

Dass nun 27 Prozent der Peruaner ihre Absicht bekunden, für einen Kandidaten zu stimmen, der das marktliberale Wirtschaftsmodell infrage stellt, zeigt die Risse hinter der Hochglanzfassade vom Wirtschaftswunderland. Denn obwohl die offizielle Armutsrate in den vergangenen Jahren von 50 Prozent auf 35 Prozent sank, hat sich für viele Menschen in den ländlichen Gebieten wenig geändert.

In einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts «Latinobarometro» nennen 53 Prozent der Peruaner Armut und Arbeitslosigkeit weiter als ihre Hauptprobleme. Zudem meinten dort
61 Prozent, in ihrem Land bestimmten Regierung und Großunternehmen - und nicht das Parlament.

Dass der neue Wohlstand unten ankommen muss, haben sich auch Toledo und sein ehemaliger Wirtschaftsminister und heutiger Mitkonkurrent um das Präsidentenamt, der Investmentbanker Pedro Pablo Kuczynski, auf die Fahnen geschrieben. Anders als Humala wollen sie dafür jedoch nicht die Privilegien der mächtigen Bergbaukonzerne antasten.

Zunehmende Polarisierung

Während Toledo, Kuczynski und der frühere Bürgermeister von Lima, Luis Castaneda, um die demokratische Mitte buhlen, profitiert die 36-jährige Keiko Fujimori von einer zunehmenden Polarisierung der Bevölkerung im Wahlkampf. Sie ist die älteste Tochter von Alberto Fujimori, der das Land von 1990 bis 2000 autoritär regierte und heute im Gefängnis sitzt, weil er Todesschwadronen auf Studenten schießen ließ. Dennoch: Ihm halten viele Peruaner zugute, dass in seiner Amtszeit der Terrorismus und die Hyperinflation besiegt wurden - mit welchen Mitteln auch immer. Keiko Fujimori verspricht, mit Sozialprogrammen und einer Politik der harten Hand das Erbe ihres Vaters fortzusetzen.

Am Ende stimmen die Peruaner am Sonntag nicht nur über ihr Wirtschaftsmodell ab - sondern auch darüber, wie wichtig ihnen die Demokratie ist. Sollten es der Ex-Militär Humala und die Autokraten-Tochter Fujimori in die zweite Wahlrunde am 5. Juni schaffen, stünde diese einmal mehr auf dem Prüfstand.

Autorin: Hildegard Willer, kna