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Rios teurer Frieden

Vor den von der Drogen-Mafia kontrollierten Favelas patroulieren Militär-Polizisten. Foto: Escher/Adveniat.
Vor den von der Drogen-Mafia kontrollierten Favelas patroulieren Militär-Polizisten. Foto: Escher/Adveniat.

Die Bilder gingen um die Welt: Dutzende Drogengangster flohen im November 2010 vor dem heran rückenden Militär über eine staubige Straße aus der Vila Cruzeiro-Favela hinauf in den "Complexo do Alemão", damals eine Waffen starrende Trutzburg des Drogenhandels. Doch nur wenige Stunden später nahm das Militär auch den "Alemão" ein, ein Konglomerat aus 13 ineinander verschachtelten Favelas im Norden Rio de Janeiros.

Im Juni will das Militär nun die Kontrolle über die gut 70.000 Einwohner des "Alemão" sowie über die angrenzenden Favelas des Penha-Viertels mit weiteren 160.000 Einwohnern an eine Befriedungstruppe der Polizei übergeben. Die Gesamtkosten der Besetzung werden sich wohl bis dahin auf mindestens 360 Millionen Reais, gut 120 Millionen Euros, belaufen haben. Andere Quellen geben die Kosten der Besetzung mit insgesamt 420 Millionen Reais an - 180 Millionen für die Besetzung des "Alemão" sowie 240 Millionen Reais für die Penha-Region. Und das wird erst der Anfang gewesen sein.

Brasiliens Militär hat derzeit gut 1.800 Soldaten in der "Alemão - Penha" Region stationiert. Bis Juni sollen hier 8 UPPs eingerichtet werden, Einheiten der Befriedungstruppen der der Landesregierung unterstehenden Policia Militar, die seit 2008 bereits in bisher 21 Favelas im gesamten Stadtgebiet eingerichtet wurden. Insgesamt 2.200 Polizisten wird die Befriedungstruppe stark sein, die über die geschätzten 230.000 Einwohner wachen soll. Rund 130 Millionen Reais wird allein diese Truppe pro Jahr dem Steuerzahler kosten. Über wie lange Zeit will und kann sich ein Staat solche Ausgaben leisten, fragen sich besorgte Anwohner. An einen Rückzug der Polizisten wagt kaum einer zu denken, würde damit doch der Rückkehr der gefürchteten Drogenbanden nichts mehr im Wege stehen.

Langer Weg bis zur Fußball-WM

In 2014, dem Jahr der Fußball-WM, sollen insgesamt 12.000 Polizisten in dann 40 UPPs Dienst tun. Damit soll die Sicherheit des Mega-Sportevents gewährleistet werden. Rund 720 Millionen Reais würde eine solche Truppe jährlich kosten. Auch auf die öffentlichen Pensionskassen wird in Zukunft eine Kostenwelle zukommen. Von einst 39.000 Polizisten zu Beginn der Favelabesetzungen im Jahre 2008 auf 51.000 im Jahre 2014 wird die Gesamtstärke steigen. Zwar handelt es sich bei den Rekruten um junge Männer, die erst Mitte des Jahrhunderts ihre Rentenansprüche geltend machen werden. Aber eine Rückführung der einmal erreichten Truppenstärke ist schwer vorstellbar, will man das UPP-Modell langfristig am Leben erhalten. So hat die Landesregierung bereits angekündigt, bis zu den Olympischen Spielen 2016 eine neue Welle von UPPs einrichten zu wollen. Tausende zusätzliche Polizisten werden dafür in Dienst gestellt werden müssen.

"Die Kosten werden stetig steigen, weil man gezwungen ist, die Truppenstärke aufzustocken, zumindest bis 2016," so der Politikwissenschaftler Ricardo Ismael. "Schließlich ist die Landesregierung der Hauptverantwortliche für die Sicherheit während der WM und den Olympischen Spielen. Und Rio de Janeiro muss dabei international ein positives Image rüberbringen." Ismael glaubt jedoch, dass langfristig die Polizeipräsenz in den Stadtvierteln zurück geführt werden könne, da sich die Bürgergemeinschaften selber organisieren und damit auf bewaffnete Patrouillen verzichten könnten.

Alternativen zur Besetzung bisher nicht in Sicht

Eine gewagte These, wie ein Blick in die Nachrichten der letzten Tage und Wochen zeigt. Alleine in der Ende letzten Jahres besetzten Rocinha-Favela sind in den letzten Wochen 10 Menschen ermordet worden, während die im "Alemão" patrouillierenden Soldaten immer öfters mit selbst gebauten Bomben und sogar mit Schusswaffen angegriffen werden. Das Klima den "Besetzern" gegenüber sei im "Alemão" in letzter Zeit wesentlich schlechter geworden, so Beobachter. Korrupte Soldaten und Polizisten würden mit den zurück gekehrten Drogendealern gemeinsame Sache machen, erzählen Anwohner. Vor einigen Monaten wurde der Fall eines Polizisten bekannt, der Polizeiwaffen an Drogengangster verkaufte.

Überhaupt steht in Frage, ob die UPPs eine Antwort auf die riesigen sozialen Herausforderungen geben können. In Rio gibt es nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 500 und 1.000 Favelas. Selbst wenn es zu Olympia 2016 bereits 50 UPPs geben würde, wäre dies ein verschwindend kleiner Teil des Gesamtproblems. Und als Vorbildfunktion für andere Städte taugt das Modell aus Rio de Janeiro zudem wenig. Denn im Gegenzug zu dem durch Öleinnahmen und die Milliarden schweren Investitionen für die WM und Olympia verwöhnten Rio verfügen andere Städte kaum über ausreichende Finanzmittel für eine signifikante Aufstockung ihrer Polizeikräfte. In Rio munkelt übrigens so mancher, dass die Besetzungen sowieso lediglich der Immobilienspekulation dienen würden. Habe es die Polizei bei ihrer Besetzungsstrategie doch vorallem auf Favelas in zentraler Lage und mit Meerblick abgesehen. Man kann nur hoffen, dass diese bösen Zungen Unrecht haben.

Text: Thomas Milz.