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Rio will Favelas räumen

In Rio spitzt sich die Auseinandersetzung um die Favelas, die Slums der Millionenstadt, wieder einmal zu. Nach den schweren Erdrutschen im April, die 260 Menschen das Leben kosteten, sind immer noch Tausende obdachlos. Der Bürgermeister will eine Widerholung radikal verhindern. Häuser in den Gefahrenzonen sollen geräumt werden – zur Not mit Waffengewalt.

Der ´Morar Seguro´ (Sicher leben) getaufte Plan von Bürgermeister Eduardo Paes soll "das Ende der Demagogie" darstellen. Rund eine halbe Milliarde Euro sind dafür eingestellt. Der Historiker Mario Brum, dessen Spezialgebiet die Favelas sind, sieht darin aber "die Rückkehr des Phantoms der dunkelsten Abschnitte unserer Geschichte".

Brum meint die Diktatur zwischen 1964 und 1985, als 175.000 Menschen zwangsumgesiedelt
wurden. Das sei in den 60er Jahren und bis in die 70er "Regierungspolitik" gewesen. Daraus entstanden Wohnsiedlungen wie die berüchtigte ´Cidade de Deus´ (Stadt Gottes), die Fernando
Meirelles durch seinen gleichnamigen Film weltbekannt machte. Dahin sollten eigentlich die Favela-Bewohner umgesiedelt werden. Der Plan scheiterte daran, dass praktisch keiner von ihnen die dortigen Wohnungen bezahlen konnte. Die meisten kehrten wieder in ihre alten Hütten zurück, so Brum.

Soziale Ungleichheit

Auch der Soziologe Paulo Magalhães sieht im Plan des Bürgermeisters nicht die Lösung für Rios wirkliche Probleme. "Der prinzipielle strukturelle Grund ist die ungleiche Einkommensverteilung in Brasilien", verbunden mit einem Mangel an Wohnraum für die Ärmsten, den die Regierung ignoriere, so Magalhães. Die Armen würden bestraft, als ob sie für ihr Schicksal allein selbst verantwortlich seien. Niemand aber lebe freiwillig an einem Ort, wo sein Leben in Gefahr sei. Das belege auch der "fehlende Widerstand" gegen die Räumungen.

Aktivisten in den Favelas lassen ebenfalls kein gutes Haar an dem Plan der Stadt. Sie kritisieren vor allen, dass die Betroffenen nicht angehört worden seien. "Die Regierung kommt mit diesem Paket an Lösungen für Menschen, die noch unter der Tragödie leiden und noch gar nicht wieder ihr Leben in den Griff bekommen konnten", sagt Mónica Francisco aus der Favela Morro do Borel. Niemand frage die Menschen, wo sie hin wollten oder ob es an dem neuen Wohnort Transportprobleme gebe, so die Studentin. Noch viel schwerer zu bewältigen sei aber das emotionale Exil, wenn die Menschen entwurzelt und von ihren Freunden, Familien und Bekannten getrennt würden.

In der ersten Phase sollen nach dem Willen des Bürgermeisters 4.000 Familien aus den acht Favelas Morro do Urubú, Fogueteiro, Tabajaras, Laboriux, Cantinho do Céu and Pantanal, Morro do Turano, Parque Colúmbia and Morro dos Prazeres ihre Häuser räumen. Die Häuser seien nach eingehenden Untersuchungen ermittelt worden.

Die Anwohnerorganisation in der Favela Morro dos Prazeres weist darauf hin, dass von den dort für die Räumung vorgesehenen 946 Häusern nur 100 in der Gefahrenzone liegen. In Tabajaras habe es weder Erdrutsche, Tote und Verletzte gegeben, wendet Marcelo Chamorro ein, der in dem Slum ein Gebäude besitzt.

Vorwurf der Immobilienspekulation

Chamorro wittert hinter den städtischen Räumungsplänen vor allem Bodenspekulationen. So
habe man Hauseigentümern in Tabajaras Kaufangebote unterbreitet, die 40 Prozent über dem
offiziellen Schätzwert gelegen hätten. Ähnliche Befürchtungen machen auch in anderen Favelas die Runde. "Von hier aus hat man den besten Blick auf Rio", kommentiert Soraide Gomes, die seit 28 Jahre in dem Slum zu Hause ist. "Sie wollen uns loswerden, denn unser Land ist ein Vermögen wert."

Carlos Minc, bis März Umweltminister Brasiliens, ist jedoch der Meinung: "Niemand lebt in einer Favela, wenn er eine Wahl hat." Statt Umsiedlungsprojekten schlägt Minc, der für den Staat Rio de Janeiro im Parlament sitzt, vor, den Zuzug in die Ballungsräumen von vorneherein zu regulieren. Er ist optimistisch, dass das Parlament einem Gesetzentwurf zustimmt, dass zehn Prozent der Wohnungen, den die Regierung bauen will, für Bewohner der Gefahrenzonen reserviert wird.

Dabei muss auch auf eine vernünftige Verkehrsanbindung der neuen Siedlungen geachtet werden. Das hat auch der Soziologe Magalhães als ein Problem identifiziert. Viele Siedlungen seien "fernab der wirtschaftlich dynamischen Gebiete" errichtet worden. Weitere wichtige Punkte nennt die Staatssekretärin im Umweltministerium, Marilene Ramos: "Trinkwasser, Kanalisation und Straßen". Das werde gewährleistet sein, bevor man Häuser hochziehe.


Magalhães macht einen ganz anderen Vorschlag: Allein im Stadtzentrum von Rio stünden
10.000 Wohnungen leer – die solle der Staat enteignen und wieder einer Nutzung zuführen.
Großereignisse wie die Olympischen Spiele 2016 in der Stadt sollten genutzt werden, die Innenstadt wieder zu beleben und Häuser zu bauen, nach Ende der Spiele für die Ärmsten frei würden.

Autorin: Fabiana Frayssinet (deutsche Bearbeitung Sebastian Voss), ips