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Regierungen Lateinamerikas schlingern bei Atompolitik

Bis auf Chile sind die großen Proteste gegen Atomkraft in Lateinamerika nach dem Unglück in Japan ausgeblieben. Dort nutzen nur drei Länder - Mexiko, Brasilien und Argentinien – derzeit Atomkraft, einige andere hegen mehr oder weniger konkrete Pläne. Nun äußern Umweltschützer, Bürgergruppen und Wissenschaftler Zweifel an der Sicherheit der bis zu 40 Jahre alten Reaktoren. Doch die Regierungen winden sich. Einerseits ist die Atomkraft unpopulär, andererseits benötigen die schnell wachsenden Volkswirtschaften immer mehr Energie.

Proteste in Chile

Einzig Venezuelas Präsident Hugo Chavez hat öffentlich Abstand genommen von den Plänen, gemeinsam mit Russland AKWs zu bauen. Dagegen hat die chilenische Regierung trotz Kritik auch aus den Reihen der eigenen, konservativen Koalition mit den USA einen Vertrag über ein Atomprogramm unterzeichnet. Das südamerikanische Land am Pazifik gilt als mindestens so erdbeben- und tsunamigefährdet wie Japan. Erst vor einem Jahr erschütterte ein Beben der Stärke 8,8 die Küste. Bei dem Beben und dem folgenden Tsunami kamen mehr als 500 Menschen ums Leben.

Nach dem Unfall in Japan hat sich nun eine breite Front von Atomkraftgegnern gebildet.“Es wäre Irrsinn, nach dem Vorfall in Japan auch nur an Atomkraft in Chile zu denken“, sagte der sozialistische Abgeordnete Marcelo Diaz. Greenpeace-Direktor Matias Asun lehnte „Überlegungen zu Atomkraftnutzung in Chile“ rundheraus ab. Energieminister Laurence Golborne, der zunächst die Atomenergie verteidigt hatte, erklärte nach der Welle von Kritik, Chile sei „weit entfernt von einem Atomprogramm“, müsse sich aber überlegen, wie der steigende Energiebedarf gedeckt werden könne. Erneuerbare Energien reichten dafür nicht aus.

Rousseff „extrem besorgt“

In Argentinien, wo ein vierter Reaktor in Planung ist, erklärte die Regierung, die AKWs würden in nicht erdbebengefährdeten Gebieten errichtet – und hüllte sich ansonsten in Schweigen. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ist "extrem besorgt" angesichts der Ereignisse in Japan und einige Regierungs- und Koalitionsmitglieder signalisierten Bereitschaft, die Atompläne zu überdenken. Doch Energieminister Edison Lobão versicherte, dass sich nichts ändere an der Atompolitik. Am dritten bereits in Bau befindlichen Reaktor werde festgehalten; weitere vier AKWs sind in Planung.

Laut Behörde sind die Reaktoren Angra I und II an der Küst von Rio de Janeiro für Beben bis zur Stärke sieben ausgelegt. Problematisch ist, dass in der hügeligen Region Erdrutsche an der Tagesordnung sind – und es nur eine einzige Strasse zur Evakuierung gibt. In Brasilien und Argentinien ist Siemens am Bau der AKWs beteiligt.

Widersprüchliche Aussagen in Mexiko

In Mexiko erklärte Außenministerin Patricia Espinosa, das Land setze auf erneuerbare Energien, während das Energieministerium erklärte, die Atomenergie sei entscheidend und man werde an ihr festhalten. Atomphysiker Epifanio Ruiz von der Nationalen, Autonomen Universität versicherte, die Anlage Laguna Verde am Golf von Mexiko verfüge über alle nötigen Sicherheitssysteme und werde jährlich überprüft. Im Notfall könnten die Reaktoren stufenweise heruntergefahren werden – so wie im Vorjahr, als Hurrikan Karl nur sieben Kilometer entfernt auf das Festland traf.

Greenpeace hingegen hat von Anfang an mobil gemacht gegen die Anlage in einem hurrikan- erdbeben- und überschwemmungsgefährdeten Gebiet. Laguna Verde liegt etwa 500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Zu den zwei Reaktoren von Laguna Verde sollen bis 2028 zehn weitere hinzukommen.

Autorin: Sandra Weiss, Puebla/Mexiko