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Regierung hält Atomkurs

Gebannt schaut ganz Brasilien derzeit auf die Schreckensbilder aus Japan. Anders als in Deutschland hat der japanische Atom-GAU jedoch keine Diskussionen über einen möglichen Ausstieg aus der Nukleartechnologie provoziert. Zwar forderte Greenpeace Brasilien einen Baustopp für Atommeiler in Brasilien, in den Medien des Landes spielt das Thema aber kaum eine Rolle.

Die Regierung erklärte einen ähnlichen Atomunfall in Brasilien für äußerst unwahrscheinlich. So seien die brasilianischen Anlagen wesentlich sicherer als die jetzt in Japan beschädigten Blöcke. Zudem seien starke Erdbeben und Tsunamis wie im Pazifik hier aufgrund der "tektonischen Situation Brasiliens" praktisch unmöglich, so Wissenschaftsminister Aloizio Mercadante am Dienstag vor der Presse.

Keine Angst vor Unfällen

"Unsere Reaktoren sind etwas moderner (als die japanischen)," erklärte der Minister. "Zudem halten sie Tsunamis von bis zu sieben Metern Höhe und Erdbeben bis zur Stärke 6,5 stand." Da sich Brasilien jedoch nicht an einer Nahtstelle tektonischer Platten befinde, seien starke Erdbeben und dadurch ausgelöste Tsunami-Flutwellen nahezu unmöglich.

Das bisher stärkste vor der Küste Südbrasiliens gemessene Beben, im April 2008, erreichte eine Stärke von 5,2 auf der Richterskala. Die an den Reaktorblöcken aufgetretene Belastung habe dabei lediglich 2% der in Sicherheitsanalysen errechneten theoretischen Maximalbelastung der Meiler erreicht, so die Betreiber.

Atmokraftwerke nie komplett sicher

Derweil kritisierte der brasilianische Physiker Jose Goldemberg die von der Regierung angeführten Argumente. Sobald es in einem Atommeiler zu einer Unterbrechung der Kühlwasserzufuhr komme, bestünde die Gefahr einer Kernschmelze. "Dabei reicht ein defektes Ventil bereits aus," so Goldemberg. Zu sagen, dass Brasiliens Reaktoren sicher seien, weil es hier keine Tsunamis gebe, sei "Blödsinn".

Minister Mercadante erklärte, dass die zuständigen Behörden vorsorglich eine Arbeitsgruppe einrichten werden, die die Entwicklungen in Japan beobachtet und hieraus abgeleitete, neue sicherheitstechnische Erkenntnisse auf die brasilianischen Meiler übertragen werde.

Notfallpläne überdenken

Laut brasilianischen Medien sehen die brasilianischen Notfallpläne bisher lediglich die Evakuierung der in einem Umkreis von 5 Kilometern um die Reaktoren lebenden Anwohner vor. Dies entspricht der von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vorgeschriebenen Minimaldistanz. Greenpeace Brasilien forderte die Regierung auf, die Notfallpläne auf einen Radius von 20 Kilometer auszudehnen, wie dies in Ländern wie Japan Standard sei.

Brasilien verfügt bisher über zwei im Betrieb befindliche Atommeiler, Angra 1 und Angra 2, die auf halber Strecke zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo im Küstengebirge in der Nähe der Stadt Angra dos Reis stehen. Angra 3 wird dort gerade errichtet.

Steigender Strombedarf muss gedeckt werden

Bis 2030 sollen vier weitere Reaktoren dazukommen, jeweils zwei im Nordosten und im Südosten des Landes. Je nach der Entwicklung des Strombedarfs in dem südamerikanischen Land könnte diese Zahl eventuell auf acht neue Reaktoren verdoppelt werden, wie Regierungsvertreter auf einer Pressekonferenz am Dienstag bekannt gaben.

Grundsätzlich wird sich jedoch nichts am brasilianischen Energiemix ändern. Atomenergie macht einen Anteil von weniger als 3% aus. Nahezu 85% des brasilianischen Stroms werden aus Wasserkraft gewonnen. Um den steigenden Strombedarf zu decken, plant die Regierung derzeit den Bau von vier großen Staudämmen in der Amazonasregion.

Autor: Thomas Milz