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Recht auf Kinderarbeit?

Recht auf Arbeit in Würde ja, Ausbeutung und Zwang nein: auf diese kurze Formel lässt sich der Gesetzentwurf der Union arbeitender Kinder und Jugendliche Boliviens bringen. Erstmals formulierten Kinder und Jugendliche selbst ein Gesetz, das sich auf die Arbeit von Minderjährigen bezieht.

Der im Dezember 2010 vorgelegte Gesetzentwurf sei ein „normativer Vorschlag zur Anerkennung, Förderung, zum Schutz und der Verteidigung der Rechte der arbeitenden Kinder und Jugendlichen“, so die Union arbeitender Kinder und Jugendlichen Boliviens (UNATSBO). Der Vorschlag gründet auf der Idee, das Kinder und Jugendliche ein Recht haben zu arbeiten – und zwar unabhängig von ihrem Alter: Im Gegensatz zu den ILO-Konventionen über Kinderarbeit und der bisherigen Rechtslage in Bolivien wird kein Mindestalter für die Aufnahme einer Arbeit festgelegt. Die Jungen und Mädchen sollen selbst entscheiden, ob und ab wann sie arbeiten. Allerdings sieht der Gesetzesentwurf Rechte und Regeln vor, die Kinder und Jugendliche vor Ausbeutung und Zwang schützen sollen.

Die Union arbeitender Kinder und Jugendliche Boliviens umreißt in dem Gesetzentwurf ihre Tätigkeitsfelder: „Sie üben produktive Tätigkeiten oder Dienstleistungen materieller, intellektueller oder anderer Art aus, als Abhängige oder auf eigene Rechnung, und erhalten dafür ein Gehalt oder erwirtschaften ein Einkommen. Sie üben Aktivitäten aus, die der Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse dienen und das individuelle und familiäre Überleben ermöglichen, in städtischen ebenso wie in ländlichen Gebieten; sofern es sich um familiäre oder kommunale Arbeit handelt, liegt weder ein abhängiges Arbeitsverhältnis vor, noch wird ein Lohn bezahlt.“

Bolivien lehnt Kinderarbeit nicht pauschal ab

In der neuen bolivianischen Verfassung wird Kinderarbeit nicht pauschal abgelehnt. Zwar wird in Art. 61 ausdrücklich „jede Form von Gewalt gegen Kinder, in der Familie ebenso wie in der Gesellschaft“ untersagt. „Zwangsarbeit und Ausbeutung von Kindern“ ist verboten. Doch den Kindern wird das Recht zu arbeiten eingeräumt: „Aktivitäten, die Kinder im familiären und sozialen Rahmen ausüben, dienen ihrer Entwicklung als Bürgerinnen und Bürger und haben eine bildende Funktion.“

Staat soll für umfassende Bildungsmöglichkeiten sorgen

Dem UNATSBO-Gesetzesentwurf zufolge soll der Staat Kinder und Jugendliche als soziale Akteure fördern und ihnen neben Arbeits- und Gewerkschaftsrecht, Schutz vor Ausbeutung und Missbrauch und umfassende Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten garantieren.

Der Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendliche (ProNats e.V) begrüßte den Gesetzesvorschlag. „Es wäre weltweit das erste Mal, dass ein Gesetz zum Schutz der Kinderrechte Wirklichkeit wird, das Kinder selbst in Gang gebracht haben und das auf ihren eigenen Erfahrungen und Ideen basiert“, heißt es in einer Erklärung.

Arbeitsverbot geht an der Lebensrealität vorbei

Auch in anderen Ländern sprechen sich Verbände dafür aus, Kinderarbeit zuzulassen, sofern sie die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen nicht beeinträchtigen und diese keinem Zwang und keiner Ausbeutung unterworfen sind. Ein wichtiges Argument dabei ist, dass in vielen Ländern Kindern ohnehin arbeiten müssten, da helfe auch kein Verbot. Wichtiger sei es daher, die Arbeitsumstände zu regeln und arbeitende Minderjährige zu schützen.

Das Verbot von Kinderarbeit gehe an der Lebensrealität der meisten Kinder vorbei, sagt etwa die 15-jährige Francis Estefania Zeas aus Jinotega in Nicaragua, wo Kinderarbeit gesetzlich verboten ist. Francis Estefania Zeas ist Mitglied des Jugendclubs Infantil, der arbeitenden Kindern zur Seite steht, Medienprojekte und Alphabetisierungskurse anbietet. Sie war im vergangenen Jahr auf Einladung der Christlichen Initiative Romero zu Besuch in Deutschland und berichtete über Kinderarbeit und Arbeitsrechte in ihrem Land.

„Wenn die Kinder nicht mitarbeiten, reicht es einfach nicht“

Die junge Frau ist die jüngste von sechs Geschwistern, ihre Mutter alleinerziehend. Francis selbst arbeitet seit ihrem 9. Lebensjahr – eine Stunde pro Tag. Sie verkauft Tortillas – Maisfladen, die ihre Tante zubereitet – und erledigt Botengänge. „Aber ich achte darauf, dass ich auch Freizeit habe und sonntags nicht arbeite“, sagt sie bestimmt. Ihr Verdienst sei für Schuluniform, Kleidung und Schulmaterial. „Aber manchmal gebe ich es auch meiner Mutter, wenn kein Geld da ist.“.

„In meinem Land haben die meisten Frauen viele Kinder und sind alleinerziehend. Wenn die Kinder nicht mitarbeiten, reicht es einfach nicht. Das schafft eine Mutter nicht allein“, sagt sie. Da eine bessere Bezahlung der Erwachsenen in ihrem Land nicht in Aussicht stehe, müsste Kindern eine „würdige Arbeit“gewährleistet werden - mit angemessener Bezahlung und Arbeitszeiten, die den Schulbesuch ermöglichen.

Schwierige Arbeitsbedingungen

Allerdings räumt Francis Estefania Zeas ein, dass die Bedingungen der Kinderarbeit in ihrem Land äußerst schlecht sind: Die Kinder, die oft auf dem Markt und in Bussen Waren verkaufen, als Haushaltshilfen arbeiten oder Botengänge erledigen, würden unterbezahlt, sexuell belästigt und schlecht behandelt.

Extremes Beispiel für die Ausbeutung von Kindern ist die Situation der so genannten „Restavéks“ in Haiti. Die Bezeichnung „Restavèk“ kommt aus dem Französischen („rester avec“) und bedeutet soviel wie „bei jemandem bleiben“. Die jungen Restavéks stammen aus armen Familien vom Land, wo die Not noch größer ist als in der Stadt. Ihre Eltern schicken sie in fremde Haushalte in den Städten, wo sie meist unter unwürdigen Bedingungen leben und arbeiten. Es fehlt an Essen, medizinischer Versorgung und persönlichen Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten.

Arbeit statt Schule

Gleich in welchem Land: abgesehen von den häufig schlechten Bedingungen hindert die Arbeit viele Kinder und Jugendliche auch, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Beispiel Argentinien: eine Studie der Katholischen Universität Argentinien (UCA) über den Zusammenhang zwischen Reproduktion von sozialer Ungleichheit und Kinderarbeit ergab, dass die allgegenwärtige Kinderarbeit in den Städten des Landes die Ausbildung der jungen Menschen erheblich gefährdet.

Laut der Studie arbeiten in den Städten Argentiniens schätzungsweise 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und 17 Jahren. Sie helfen den Eltern bei der Hausarbeit oder sind als Hausangestellte beschäftigt. Rund sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen beaufsichtigen allein Geschwister, kochen Essen, putzen, machen Betten, erledigen Einkäufe oder Waschen und Bügeln. Fast neun Prozent der arbeitenden Kinder arbeiten außer Haus und rund ein Prozent sowohl im Haushalt als auch außer Haus. Mädchen arbeiten dabei dreimal so oft im Haushalt wie Jungen.

Kinder aus schlechter gestellten sozialen Schichten müssten zudem viel häufiger sowohl im Haushalt als auch außer Haus arbeiten. "Kinderarbeit hängt zusammen mit dem Herausfallen aus dem Bildungssystem, dem Wiederholen von Klassen und dem Verlassen der Schule. All diese Situationen weisen auf Defizite beim Recht auf Bildung hin", heißt es in der Untersuchung. Kinder und Jugendliche würden durch das Arbeiten nicht nur ihrer Kindheit und Jugend beraubt, sondern auch in ihrer persönlichen Entwicklung und bei der Bildung behindert, alarmieren die Autoren der Studie.

Rückgang der Kinderarbeit in Panama

Gute Erfolge im Bemühen, Kinderarbeit zu vermindern, weist Panama auf. Einer Studie der nationalen Statistikbehörde zufolge ging der Anteil der Kinderarbeiter in der Altersgruppe der 5- bis 17-Jährigen im vergangenen Jahr auf 7,1 Prozent zurück, 2008 betrug er noch 10,8 Prozent. Von den Jungen arbeiteten 10,3 Prozent, bei den Mädchen waren es 3,7 Prozent. Die meisten Kinder fingen zwischen ihrem 10. und 14. Lebensjahr zu arbeiten an. Rund 32.400 arbeitende Kinder gehören dieser Altersgruppe an. Die meisten Minderjährigen – über 50 Prozent - arbeiten laut Studie in der Landwirtschaft.

Die seit Jahren betriebene Politik des panamaischen Staates zur Verminderung der Kinderarbeit habe Früchte getragen, so ein Vertreter der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Auf Grundlage der Studienergebnisse sollen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit weiter bekämpft und in Zukunft generell beseitigt werden.

Brasilien: kulturell verwurzelte Einstellung ändern

Auch in Brasilien ist die Kinderarbeit zurückgegangen. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Kinderarbeit am 12. Juni startete das Parlament am 9. Juni eine Kampagne zum Thema. In fast allen Bundesstaaten Brasiliens finden Aktionen zur Prävention von Kinderarbeit statt. Obwohl es Fortschritte bei der Verminderung von Kinderarbeit gebe, verlangsame sich der Rhythmus der Eindämmung, so die Generalsekretärin der Nationalen Forums zur Prävention und Abschaffung der Kinderarbeit, Isa Oliveira. Man müsse die kulturell verwurzelte Einstellung ändern, derzufolge Arbeit für die Charakterbildung der Kinder förderlich sei.

“Kinderarbeit beeinträchtigt Schulleistungen und ist gesundheitschschädlich“, unterstrich sie. Es sei „unannehmbar, verfassungswidrig und unmoralisch“ Kindern Verantwortung zu übertragen, weil deren Familie in Armut lebe. „Wenn die Familien nicht über die notwendigen Mindesteinnahmen verfügen, muss der Staat einspringen und beispielsweise für Gesundheit und Bildung sorgen“, so Isa Oliveira.

14 Millionen arbeitende Kinder in Lateinmerika

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten in Lateinamerika rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren, weltweit sind es 215 Millionen. 115 Millionen von ihnen müssen gefährliche Tätigkeiten ausrichten. Die meisten Minderjährigen arbeiten in der Landwirtschaft.

Als gefährlich stuft die ILO Tätigkeiten ein, die Kinder physischer, sexueller und psychischer Ausbeutung aussetzen; die in umweltschädlicher Umgebung stattfinden, die den Gebrauch gefährlicher Werkzeuge oder Arbeitsmaterialien beinhalten und die zu lange Arbeitstage vorsehen. Diese gefährlichen Arten der Kinderarbeit sollen laut ILO bis 2016 abgeschafft werden.

Langzeitschäden durch Kinderarbeit

Fachleuten zufolge hat Kinderarbeit verschiedene schädliche Auswirkungen für Kinder und kann schlimmstenfalls zum Tod führen. Physische und psychologische Beeinträchtigungen können teilweise Jahre später zutage kommen, etwa die Langzeitschäden durch Schwermetallvergiftungen oder eine erschwerte soziale und intellektuelle Entwicklung.

Der ILO zufolge kann Kinderarbeit nur durch eine Kombination von Aktionen vermindert werden: beispielsweise mit einer besseren Informationen über Gesundheitsschäden und Krankheiten, die Kinder und Jugendliche bei der Arbeit erleiden können, und mit einer Entwicklung einer besseren Rechtslage zum Schutz der Kinder. Die Regierungen müss gewährleisten, dass Kinder unterhalb des Mindestalters für Arbeit zur Schule gehen und Jugendliche, die legal arbeiten können, dies unter sicheren und geschützten Bedingungen tun.

Die Möglichkeit, kostenlose gute Grundschulen zu besuchen, sei eine Grundvoraussetzung, um Kinderarbeit vorzubeugen, so die ILO. Auch Jugendlichen müsse die Chance gegeben werden, sich neben der Arbeit weiterzubilden und eine Berufsausbildung zu absolvieren – Forderungen, die auch der Gesetzesvorschlag der Union arbeitender Kinder und Jugendlichen Boliviens aufgreift.

Verena Hanfund Bettina Hoyer

Quellen und weitere Infos zum Thema: Adital,Centre Tricontinental, ProNats e.V., Blickpunkt Lateinamerika, Christliche Initiative Romero,Internationale Arbeitsorganisation (ILO)