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»Goni« angelt sich Lausitz-Kupferschatz

Boliviens Ex-Präsident Sánchez de Lozada ist wegen Völkermordes angeklagt, 2003 einen Schießbefehl gegeben zu haben, durch den 67 Menschen von Militärs erschossen wurden. Seine Bergbau-Firma Minera S.A. ist in Deutschland weiter willkommen.

Mit allen Mitteln der Diplomatie bemüht sich Boliviens Regierung derzeit um eine Auslieferung von Ex-Präsident Gonzalo „Goni“ Sánchez de Lozada. „Wir werden die bestehenden Auslieferungsgesuche durchgehen“, gab sich Vize-Außenminister Juan Carlos Alurralde zu Wochenbeginn vor Gesprächen zwischen Washington und La Paz optimistisch. Gemeinsam mit seinen Parteigenossen Carlos Sánchez Berzaín vom Verteidigungsministerium, Energieminister Jorge Berindoague und Landwirtschaftsminister Guido Áñez hatte sich der reichste Mann des Andenlandes im Oktober 2003 in die Vereinigten Staaten abgesetzt. Zu groß war die Wut der Bevölkerung gegen seine Politik des Rohstoff-Ausverkaufs und der persönlichen Bereicherung geworden. Mit einem Koffer voller Geld und gefälschten Pässen floh „Goni“ in sein Heimatland USA.

Niederschlagung des Aufstands endet in Blutbad

Der gebürtige Texaner ließ damals nicht nur ein verarmtes und sozial gespaltenes Bolivien hinter sich. Unter der Privatisierungs-Ägide von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) war der Reichtum aus Bergbau, Gas und Agro-Business in die Taschen der weißen Elite geflossen, die Steuerlast für Kleinverdiener und die Lebenshaltungskosten hingegen stiegen. Die letzte der zwei Amtszeiten beendete der wegen seines texanisch gefärbten Spanisch nur „El Gringo“ genannte Unternehmer-Präsident mit einem Blutbad. 67 Tote und fast 500 Verletzte sind die traurige Bilanz, welche die von US-Beratern in „Aufstandsniederschlagung“ trainierten Militärs anrichtete. Demonstranten gegen den geplanten Gas-Verkauf über Chile nach Kalifornien hatten die Hauptstadt eingekesselt, das Militär schoss Benzin-Transporten den Weg frei. Bereits im Februar des selben Jahres erschossen Sniper mehr als ein Dutzend Menschen, darunter zahlreiche Passanten, als nahe des Präsidenten-Palastes ein Aufstand streikender Polizisten außer Kontrolle geraten war.

Warten auf Auslieferung

Doch steht eine juristische Aufarbeitung des Massakers, das als „Schwarzer Oktober“ in die bolivianischen Geschichtsbücher eingegangen ist, noch aus. Zwar richtete Bolivien am fünften Jahrestag ein Auslieferungsantrag an den großen Bruder im Norden, doch bietet die US-Staatsbürgerschaft de Lozada einen wirksamen Schutz. Derweil läuft vor dem Obersten Gericht in Sucre ein Verfahren gegen ihn wegen Völkermord. Zudem werden den gesuchten Ex-Regierungsvertretern Verfassungsbruch und Unterschlagung vorgeworfen. So sollen in den 1990er Jahren Millionen-Verträge mit Energie-Konzernen aus dem Ausland zur Gas- und ölförderung an der Verfassung und am Parlament vorbei beschlossen worden sein.

Gonis Geschäfte laufen gut

Die Flucht ins Ausland konnten den Geschäften für den Lozada-Clan allerdings wenig anhaben. Seine Bergbau-Firma Minera S.A. mit Sitz in Washington bekam etwa im brandenburgischen Spremberg den Zuschlag für den Abbau eines großen Kupfervorkommens. Dem Prinzip des Familienbetriebes blieb de Lozada treu: So wird die vor Ort operierende Kupferschiefer Lausitz GmbH (KSL), eine 100-prozentige Minera-Tochter, von seinem Sohn geleitet. Trotz seines hohen Alters ist „Goni“ noch immer wichtigster Strippenzieher im Unternehmen. So wundert es nicht, dass John Kornblum, Washingtons Ex-Botschafter in Berlin, bei wichtigen KSL-Events vor Ort ist. Der Berater bei der Berliner Beraterfirma Consultum Communications tut sein Bestes, um für das Bergbau-Unternehmen in Südbrandenburgs Polit-Szene kräftig die Werbetrommel zu rühren.

Entspannung zwischen Washington und La Paz

Bisher konnte sich „Goni“ auf sein breites Netzwerk von Protegés verlassen. In der Nähe von Washington wohnend pflegt das 81-jährige Oberhaupt der Lozada-Familie alte Kontakte. Hinter den Kulissen haben die Seilschaften aus Politik und Wirtschaft noch immer großen Einfluss. Doch könnte es für Lozada jetzt eng werden. Nach einer diplomatischen Eiszeit zwischen den USA und Bolivien, die Ende 2008 nach der Ausweisung des US-Botschafters Philipp Goldberg wegen „Einmischung in innere Angelegenheiten“ auf die tiefsten Temperaturen gefallen war, setzt heute Tauwetter ein. Am 29. Februar wurden Wiederbestellung von Botschaftern, Zusammenarbeit im Kampf gegen Drogenschmuggel und Entwicklungsprojekte im Gesundheitsbereich vereinbart. Über Einigungen in Sachen Auslieferung drang bisher nichts an die öffentlichkeit.

Autor: Benjamin Beutler