|

»Die Städte des Kontinents sind durstig«

Zum Internationalen Weltwassertag »Nahrungssicherheit und Wasser« warnt die UNO vor neuen Ressourcen-Konflikten in Lateinamerika.

Ohne Wasser kann kein Mensch überleben. Dass Durst der einzige und schlagende Beweis für die Existenz des Wassers ist, darauf verwies schon vor zwei Jahrhunderten Franz von Baader. Der staatstreue Philosoph aus Bayern war als einer der ersten Sozialreformer seiner Zeit voraus, bereits 1835 warnte das Mitglied der Akademie der Wissenschaften vor den entfesselten Kräften des freien Marktes, die sein Zeitgenosse und Star-ökonom Adam Smith heraufbeschworen hatte. Als einer der ersten überhaupt machte der gläubige Christ damit auf die Notlage der verelendeten Arbeiterbevölkerung im Deutschen Reich aufmerksam.

Neue Wasserhähne für zwei Milliarden Münder

Fast 200 Jahre später steht die Menschheit vor ähnlichen Schwierigkeiten. Zum Weltwassertag präsentiert das Büro der Vereinten Nationen zur Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele im Wasserbereich in Rom seinen alljährlichen Weltwasserbericht. Die aktuellen Zahlen von UN-Water sind gemischt. Seit 1990 haben über zwei Milliarden Menschen Zugang zu Trinkwasser erhalten, stellt das Papier fest, über 89 Prozent der Menschheit gelten damit als versorgt. 1,8 Milliarden Menschen wurden mit Abwasserentsorgung ausgestattet - damit sind es insgesamt 63 Prozent der Weltbevölkerung. Die Halbierung des Anteils von Personen ohne ausreichenden Anschluss an Trinkwasser und Sanitäranlagen sei ein wichtiges Millenniums-Entwicklungsziel, lobt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Noch 900 Millionen Durstende weltweit

Heute ist das Menschenrecht auf Wasser in der UN-Charta festgeschrieben. Ausgerechnet Bolivien, das Andenland ohne Meereszugang, war es im Juli 2010 gelungen, die Generalversammlung in New York von der Notwendigkeit des Grundrechts auf Wasser zu überzeugen. Heute leben noch immer Milliarden weltweit ohne die unverzichtbare Lebensgrundlage. Eine der größten Menschenrechtsverletzungen überhaupt, urteilt die kanadische Wasser-Expertin Maude Barlow. Die UN-Daten zeigen, von welchem Ausmaß die vielleicht größte Ungerechtigkeit der Moderne ist: Rund 900 Millionen Menschen haben überhaupt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Über 2,5 Milliarden verfügen über keine angemessenen Toiletten und Abwasserversorgung.

Wasser als Symbol für eine bessere Welt

»Die Städte des Kontinents sind durstig«, schreibt Danilo José Antón, Mitbegründer des Lateinamerikanischen Wassergerichts. Seit 1996 kämpft die Organisation für eine gerechte Verteilung des Wassers. »Doch sie haben nicht nur Durst, sie dürsten auch nach sozialer Gerechtigkeit, damit die Wassermassen in Überfluss alle erreichen und nicht nur die wenigen, die ihren Fluss in unnützem und missbräuchlichem Gebrauch verschwenden«, so der Wasseraktivist aus Uruguay. Dabei ist Wasser nicht nur Ressource. In den meisten Weltreligionen ist Wasser das Symbol der Reinheit, auch in Lateinamerika. Mit dem Nass werden Sünden abgewaschen, die Gegenwart gereinigt, Heilung für eine glückliche Zukunft. Für die Inkas war »Mama Qocha« die einigende Kraft der Flüsse, Seen und Ozeane. Quellen verbanden sich unter der Erde zu subterranen Flüssen. Diese Mutter aller Flüsse, so die Inka-Tradition, verbindet den Wasserkreislauf zum »Pachacuti«, der Lauf der Dinge und Veränderung, tief unter der Erde.

15 000 Liter für ein Steak

Trotz dieser gleichen Bedürfnisse ist der Wasserverbrauch auf der Erde heute ungleich verteilt wie nie, lautet die vielleicht wichtigste Message am UN-Weltwassertag. »Jeder von uns trinkt zwei bis vier Liter Wasser täglich«, rechnet die Welternährungsorganisation FAO vor. »Aber es sind 2000 bis 5000 Liter Wasser nötig, um die tägliche Nahrung für einen Menschen zu produzieren.«, fordern die Ernährungs-Experten ein Umdenken in Ernährungs- und Konsumgewohnheiten. Für ein Kilogramm Rindfleisch, das aus Brasilien oder Argentinien auf deutschen Tellern landet, werden 15 000 Liter verbraucht. 70 Prozent, also der Großteil des weltweit verbrauchten Wassers, geht nach UN-Angaben in die Landwirtschaft, die in Lateinamerika in hohem Maße für den Export nach Europa, Asien und Nordamerika produziert.

Wasser heißt Wohlstand

Dabei trifft mangelnde Wasserversorgung vor allem Menschen mit wenig Geld. Und die leben zumeist im globalen Süden. Obwohl Armut in Lateinamerika und der Karibik in den letzten 20 Jahren stetig gesunken ist lebt weiter jeder Dritte in der Region unter der Armutsgrenze. Neben diesen 177 Millionen Armen, so die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und Karibik CEPAL, gelten weitere zwölf Prozent als extrem arm. Diesen Bevölkerungsgruppen am Rand von Wohlstand und Lebenschancen Zugang zu Wasser zu ermöglichen »muss in der Armutsreduktion eine Rolle spielen«, fordert der Weltwasserbericht ein besseres »Wassermanagement«. Dabei gelte es soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen gleichermaßen zu berücksichtigen, da »viele ökonomische Aktivitäten wie Landwirtschaft, Bergbau und Elektrizitätsgewinnung vom Wasser abhängen«.

Kampf um kostbares Gut

Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Verstädterung und Nahrungsmittelsicherheit, in naher Zukunft wird Wasser vermehrt für Konflikte sorgen, warnt darum die UNO. Bolivien steht beispielhaft für diese Szenarien, auch für den Widerstand gegen Privatisierung. Unvergessen ist der »Wasserkrieg von Cochabamba«, wo 2000 ein Konsortium europäischer und US-amerikanischer Wassermultis die kommunale Wasserversorgung der Anden-Stadt erst aufkaufte und die Preise sofort kometenhaft in die Höhe schnellen ließ. Wütende Proteste der Bauern und Stadtbewohner schlugen die Wasser-Händler schließlich in die Flucht, das von der neoliberalen Regierung ausgerufene Kriegsrecht half nichts. Auch wenn Boliviens Staat die Wasserversorgung heute mit Milliarden ausbaut und die Milleniumsziele schon Anfang 2012 erfüllt hat bleibt viel zu tun. Laut einer Studie der deutschen »Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit« (GIZ) gehen in Millionenstädten wie der Hauptstadt La Paz und der Tiefland-Metropole Santa Cruz durch mangelhafte Infrastruktur und Verschwendung rund 30 Prozent des Trinkwassers verloren. Auch das Abschmelzen der Andengletscher Chacaltaya und Tuni Condoriri durch den Klimawandel könnte in Zukunft ernsthafte Engpässe in der Trinkwasserversorgung von La Paz und dem benachbarten El Alto verursachen, da die Gletscher wichtige Trinkwasserspeicher sind. Kostenlose Wasserentnahme durch Bergbau-Konzerne und Landwirtschaft sind weitere Konfliktherde.

Autor: Benjamin Beutler