Brasilien |

Querschläger im Paradies

Gedenktafel an der Copacabana für die zweijährige Sofia, die bei einem Schusswechsel von einem Querschläger tödlich getroffen wurde. Foto: Tomaz Silva/Agência Brasil, CC BY 2.0
Gedenktafel an der Copacabana für die zweijährige Sofia, die bei einem Schusswechsel von einem Querschläger tödlich getroffen wurde. Foto: Tomaz Silva/Agência Brasil, CC BY 2.0

Die zweijährige Sofia spielte gerade auf den Klettergeräten einer Schnellimbisskette im Norden Rio de Janeiros, als die Schüsse fielen. Polizisten hatten sich am Samstagabend, 21. Januar 2017, einen Schusswechsel mit einem flüchtenden Banditen geliefert. Eine Kugel traf Sofia im Gesicht. Ein Video zeigt, wie ihr Vater, ein Polizist, das tödlich getroffene Kind in seinen Armen trägt.

"Leider ist das kein Einzelfall", so Antonio Carlos Costa, Gründer der Menschenrechtsorganisation "Rio de Paz" (Friedliches Rio). Seit 2007 seien 31 Kinder durch Querschläger getötet worden, "18 allein in den vergangenen zwei Jahren".

Am Montag (Ortszeit) rammte "Rio de Paz" 31 schwarze Gedenktafeln in den Sand des Copacabana-Strandes. Die Tafeln informierten Passanten über die Todesumstände der Kinder - und lösten Betroffenheit aus. "Ich habe geweint, als ich den Bericht über Sofia sah," sagt die dreifache Mutter Katia. "Rio ist so schön - aber ich lasse meine Kinder nie allein raus. Ich habe Angst." Die Polizei müsse härter durchgreifen. "Und die Menschenrechtsorganisationen müssen endlich die guten Elemente der Gesellschaft beschützen und nicht die Kriminellen." Sie spricht aus, was viele Menschen in Rio und Brasilien denken.

Mehrheit befürwortet Todesstrafe

Angesichts der derzeit sich häufenden Massaker in Gefängnissen hatten Menschenrechtler auf die schlechten Haftbedingungen hingewiesen. In der Bevölkerung denken aber viele, dass ein "guter Bandit nur ein toter Bandit" sei.
Die große Mehrheit ist auch für die Einführung der Todesstrafe, wie Umfragen ergeben. "Wer Böses sät, sollte Böses ernten", sagt Katia. Man lebe derzeit in einer Art Gazastreifen; die Gewalt sei schlimmer als in den Bürgerkriegsgebieten des Nahen Ostens, meint der Ex-Soldat Joao Felipe (37). "Niemand respektiert das Leben, nicht mal Kinder werden verschont."

Er trägt ein T-Shirt in Tarnfarben; darauf steht der Name seines "Hoffnungsträgers": Jair Messias Bolsonaro. Der ehemalige Fallschirmspringer wurde mit einem Rekordergebnis als Rios Vertreter ins Bundesparlament gewählt. Bei den Präsidentschaftswahlen 2018 will er antreten. Mit guten Chancen. Sein nationalpopulistischer Diskurs, der viele an Donald Trump erinnert, verzichtet bewusst auf "political correctness". Offen beschimpft er Minderheiten, gern aus der Lesben- und Schwulenszene. Und sein Votum für die Amtsenthebung von Ex-Präsidentin Dilma Rousseff widmete er im April dem grausamsten Folterer der Militärdiktatur, Carlos Alberto Brilhante Ustra.

Populisten im Aufwind

"Solche Demonstrationen wie hier sind ja gut und schön; aber wir brauchen Leute, die etwas unternehmen, um uns zu schützen", so Joao Felipe. Die traditionellen demokratischen Kräfte, ob Links oder Rechts, hätten versagt. Bolsonaro hingegen will den Bürgern erlauben, Waffen zu tragen, um sich selbst zu schützen.

Populistische Ideen kommen derzeit gut an. Bei den Bürgermeisterwahlen im Oktober ging das Polit-Establishment kollektiv baden. Gewählt wurde der evangelikale Pastor Marcelo Crivella. Er profitierte von der allgemeinen Enttäuschung über die in Korruptionsskandale verwickelten Altparteien. So sitzt Rios Ex-Gouverneur Sergio Cabral seit Wochen wegen Unterschlagung eines dreistelligen Millionenbetrags in Untersuchungshaft.

Drogenbanden kommen zurück

Cabral hatte ab 2008 die Befriedung der Favelas gestartet. Jetzt, nachdem die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 vorbei sind, fällt das Netz aus Polizeistationen in den Armenvierteln aufgrund von Geldmangel in sich zusammen. Drogenbanden, einst vertrieben, errichten ihre Herrschaft neu. Die Polizei ist auf dem Rückzug: Im Januar kamen in Rio mehr als ein Dutzend Polizisten ums Leben.

Allein am vergangenen Wochenende wurden in Rio 14 Menschen ermordet. "Wir erleben einen Kollaps der öffentlichen Sicherheit - das Ergebnis von korrupten Regierungen, die kein Interesse haben, die nötigen Schritte zu unternehmen", konstatiert auch Antonio Carlos Costa von "Rio de Paz".

Sofias Vater hat sich inzwischen den Tathergang genau angesehen. Es war wohl die Kugel eines Polizisten, die Sofia traf. "Aber okay - er hat nur seine Arbeit gemacht", verteidigt er seine Kollegen.

Quelle: KNA, Autor: Thomas Milz, Foto: Tomaz Silva/Agência Brasil, CC BY 2.0