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Prozess um Gefängnis-Massaker beginnt

Mehr als 21 Jahre nach dem Massaker an 111 Insassen des Carandiru-Gefängnisses im brasilianischen Sao Paulo hat am 9. April die gerichtliche Aufarbeitung begonnen. Insgesamt 79 Polizisten wird vorgeworfen, nach einer Gefangenenrevolte die Anstalt gestürmt und zahlreiche unbeteiligte Häftlinge getötet zu haben. Die Polizei von Sao Paulo hatte stets betont, dass die Sicherheitskräfte in Notwehr gehandelt hätten. Das Massaker sorgte seinerzeit für internationales Aufsehen.

Am 2. Oktober 1992 war es in dem vollkommen überbelegten Gefängnis im Norden Sao Paulos zu einem Streit zwischen Insassen gekommen. Eine angeforderte Spezialtruppe stürmte daraufhin die Wohngebäude. Berichten zufolge wurden wehrlose Gefangene in ihren Zellen erschossen. Menschenrechtsgruppen zweifeln zudem die offizielle Todeszahl von 111 an und sprechen von bis zu 250 Opfern.

Bisher musste sich lediglich der damalige Einsatzleiter Ubiratan Guimaraes vor Gericht verantworten. Er wurde 2001 zu insgesamt 632 Jahren Haft verurteilt, in zweiter Instanz aber freigesprochen. 2006 wurde er dann unter ungeklärten Umständen erschossen. Im Jahr zuvor starb bereits der ehemalige Gefängnisdirektor vermutlich durch einen Racheakt.

Ob es im jetzigen Prozess um das Massaker tatsächlich zu Verurteilungen kommen wird, ist laut Medienberichten aufgrund einer mangelhaften Spurensicherung fraglich. So wurde damals nicht untersucht, aus welchen Polizeiwaffen die tödlichen Schüsse abgegeben wurden. Experten sehen einen Zusammenhang zwischen dem Massaker und der Gründung der kriminellen Vereinigung PCC. Diese gilt als Organisation von Gefangenen, die sich mit Drogenverkäufen in den Armenvierteln Sao Paulos finanziert. Sie wird für zahlreiche Morde an Polizisten und Vollzugsbeamten verantwortlich gemacht. Da befürchtet wird, dass die PCC auch auf die angeklagten Polizisten Anschläge verüben könnte, findet der Prozess unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt.

Quelle: KNA