Haiti |

Potential als Gemüse- und Obstversorger

Die Erdbebenkatastrophe auf Haiti, so schlimm sie für die Bevölkerung gewesen ist, birgt nach Ansicht von Experten das Potenzial, einige Fehler der Vergangenheit auszugleichen. Die UN‐Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) sieht Chancen, dass Haiti zum Gemüse‐ und Obstversorger der karibischen Staaten werden könnte.

Die FAO schätzt, dass seit dem Beben am 12. Januar rund 500.000 Menschen aus den Städten in die kaum zerstörten ländlichen Regionen gezogen sind. Die Massenzuwanderung setzt zwar die verarmte Landbevölkerung erheblich unter Druck. Doch der Exodus bedeutet
gleichzeitig die Umkehr einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten große Teile der haitianischen Bauernschaft in die Slums der Städte getrieben hat.

Zahlreiche Einwohner dieser Elendsvierteln haben gezwungenermaßen Elendsvierteln wie Cité Soleil oder Carrefour den Rücken zugekehrt, um bei Verwandten auf dem Land unterzukommen. Die Regierung von Haiti und Nichtregierungsorganisationen stehen nun
vor der Frage, ob alle die zugezogenen Menschen auf Dauer auf dem Land ihr Auskommen finden können.

Einer jüngsten Untersuchung der FAO zufolge gibt es in Haiti mehr als eine Million Bauern. Mehr könne das Land aber nicht bewältigen, meinte Volny Paultre, ein führender Berater der FAO. Auch die Finanzierung sei ein wunder Punkt. Die meisten Bauern müssen mit wenig
Geld auskommen und erhielten kaum Zugang zu Krediten, für die zudem Zinsen von 18 bis 25 Prozent verlangt werden. "Allein um Bohnen zu pflanzen, muss ein Bauer manchmal 40 Prozent seiner gesamten Produktionskosten einsetzen", erklärte Paultre, der als Sohn eines Arztes und einer Lehrerin selbst im ländlichen Haiti aufgewachsen ist. "Diese strukturellen Probleme müssen gelöst werden."

Ein weiteres großes Problem besteht darin, dass das Land stark parzelliert ist und die Bauern diese Grundstücke in unterschiedlichen Klimazonen bewirtschaften, etwa in den Bergen und im Flachland. Einerseits schützen sie sich dadurch vor Ernteausfällen aufgrund widriger Wetterbedingungen in einer bestimmten Region, anderseits müssen sie aber lange Wege zwischen ihren Feldern zurücklegen.

Auch wenn es im eigentlichen Agrarsektor nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt, sieht die FAO durchaus Chancen in Bereichen, die mit der Landwirtschaft zusammenhängen. Er spricht von 50.000 verschiedenen Tätigkeitsfeldern, die die Agrarproduktion unterstützten. Gebraucht würden etwa Fachleute, die sich mit der Lagerung, Trocknung, Weiterverarbeitung und Vermarktung auskennen. Zurzeit sind in Haiti 15 bis 40 Prozent der Ernten nicht mehr zu verkaufen.

Dem Experten zufolge wären eine Agrarreform und eine veränderte Agrarfinanzierung "dringend erforderlich und unverzichtbar". In Haiti seien die Landbesitzrechte oft unklar. Der größte Eigentümer sei der Staat, gefolgt von der katholischen Kirche. Paultre empfiehlt einen
Ausbau der Mango‐Produktion. Diese Früchte und Avocados hätten bisher dafür gesorgt, dass arme Bauern zwischen den Pflanzperioden nicht verhungern mussten.

"Würde die Mango‐Produktion vervierfacht, könnte dies der Wirtschaft und den Exporten Haitis zu einem Boom verhelfen. Bei der Ausfuhr von Obst und Gemüse hat Haiti einen großen Wettbewerbsvorteil", betonte Paultre. "Wenn wir den Anbau nur ein bisschen steigern könnten, hätten wir mehr Geld, um andere dringende Bedürfnisse zu befriedigen."
Haiti könnte sich zudem zum Nahrungsmittelversorger der karibischen Staaten entwickeln, die vor allem vom Tourismus lebten. "Aus diesen Ländern". so der FAO‐Agronom, "ließen sich die wichtigsten Märkte für haitianische Exporte machen."

Autor: Peter Costantini, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, in: IPS Weltblick