Guatemala |

Polizeiarchiv aus Bürgerkriegszeit im Internet

Wer sich ein umfassendes Bild über die Verbrechen der guatemaltekischen Nationalpolizei während des Bürgerkriegs von 1960 bis 1996 machen möchte, hat nun online die Möglichkeit dazu. So können auf der Webseite des Teresa- Lozano-Long-Instituts für Lateinamerika-Studien der Universität von Texas zwölf Millionen Folien eingesehen werden, die Aufschluss über das Schicksal vieler Opfer des `schmutzigen Krieges´ geben.

Das guatemaltekische Menschenrechtsbüro hatte das insgesamt 80 Millionen Seiten starke Archiv 2005 eher zufällig in einem verlassenen Polizeigebäude in Guatemala-Stadt entdeckt. In den Unterlagen ist die Vorgehensweise der Polizei in den Jahren 1982 bis 1997 detailliert festgehalten. Neben Angaben über allgemeine Formen der Verbrechensbekämpfung liefern sie Informationen über die von den Sicherheitskräften ausgeübte soziale Kontrolle. Es enthält zudem 900.000 Dateikarten mit Namen, Fotos und Fingerabdrücken.

Auskunft über Menschenrechtsverletzungen

Das Archiv gibt zudem Auskunft darüber, wer wann wo verhaftet, überwacht, entführt, gefoltert und ermordet wurde. In den 36 Jahren des bewaffneten Konflikts wurden nach Angaben der unabhängigen Kommission zur Aufklärung der Verbrechen (CEH) mindestens 45.000 Menschen von Polizei und Militär verschleppt, ermordet und an geheimen Orten verscharrt. Insgesamt wurden 250.000 Menschen – mehrheitlich Ureinwohner – umgebracht. In 90 Prozent aller Fälle handelte es sich bei den Tätern um Armeeangehörige.

Das nun freigeschaltete Archiv dokumentiert die schweren Menschenrechtsverletzungen, die sich Angehörige der Nationalpolizei zuschulden kommen ließen. Seit 2006 konnten 13 Millionen Papiere gereinigt, klassifiziert und digitalisiert werden. Die Unterlagen waren zunächst unter Verschluss gehalten und in verschiedenen Gerichtsverfahren als Beweismittel gegen mutmaßliche Menschenrechtsverletzer verwendet worden.

Archiv ermöglicht Fahndungserfolge

Wie Alberto Fuentes, Mitarbeiter des Archivs, erklärte, finden sich allein zum Fall des im Februar 1984 verschwundenen Gewerkschafts- und Studentenführers Fernando García 667 Dokumente. Dank der Unterlagen sei es 26 Jahre nach dem Verbrechen möglich gewesen, die Entführer und mutmaßlichen Mörder Garcías - zwei ehemalige Polizisten - zu 40-jährigen Haftstrafen zu verurteilen. Auch der ehemalige Polizeidirektor Héctor Bol wurde aufgrund der Dokumente festgenommen.

Das Archiv der Nationalpolizei beinhaltet zudem die Beweismittel, die zur Verhaftung des Generals Héctor López im Ruhestand führten. López wird die Ermordung von mindestens 300 Indigenen
vorgeworfen.

Archiv auch für Pathologen interessant

Auch Pathologen konnten das Archiv für sich nutzen. "Die ersten Bilder, die wir zu sehen bekamen,
zeigten die sterblichen Überreste von Menschen, die bis dato nicht identifiziert worden waren",
berichtete der Vizedirektor der unabhängigen Guatemaltekischen Stiftung für Anthropologische
Forensik, José Suasnabar. Im Archiv habe man dann Informationen über die Menschen gefunden,
die aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Friedhof von Escuintla im Süden des Landes
begraben wurden.

Aura Elena Farfán von der NGO ´Familienangehörige Festgenommener und Verschwundener in
Guatemala´ unterstrich den Wert des Polizeiarchivs, um Menschenrechtsverletzungen zu ahnden.
Ihre Sorge, dass wichtige Beweismittel durch die mutmaßlichen Täter zerstört werden könnten,
hat sich nun nach der Freischaltung des Archivs im Internet zerstreut.

Autor: Danilo Valladares, deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann, IPS-Weltblick