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Polizei besetzt Rio de Janeiros größte Favela

Am frühen Sonntagmorgen haben Spezialkräfte der Polizei und des Militärs Rio de Janeiros größten Favelakomplex eingenommen. In der Rocinha und den angrenzenden Favelas soll in den nächsten Monaten die insgesamt 19. UPP-Befriedungstruppe (Unidade de Policia Pacificadora) der Stadt stationiert werden. Damit haben die Regierenden den Drogenbanden sämtliche wichtige Favelas rund um das Zentrum und die mondäne Südzone der Stadt entrissen und unter die Gewalt des Staates gebracht. Bis zur Fußballweltmeisterschaft 2014 sollen noch weitere Befriedungstruppen in der Stadt eingerichtet werden. Erste Ermittlungen rund um den Drogenhandel in den besetzten Favelas deuten auf eine massive Beteiligung von korrupten Polizisten bei den Drogengeschäften hin.

Es war zum Schluss nicht mehr als eine imposante Leistungsschau der Polizei von Rio de Janeiro. Unterstützt durch Panzer und Hubschrauber, rückten Hundertschaften von Elitesoldaten und Polizisten am frühen Sonntagmorgen in den Favelakomplex Rocinha-Vidigal-Chacara do Ceu im Südwesten von Rio de Janeiro ein. Mit Gewehren im Anschlag marschierten sie in langen Reihen durch die engen Straßen des Komplexes. Dabei war schon vorher klar gewesen, dass die Aktion nicht auf Widerstand der Drogenbande "Amigos dos Amigos" (ADA - Freunde der Freunde) stoßen würde. Schon vor der Besetzung war die Führung der ADA bei Fluchtversuchen aus der seit Tagen abgesperrten Favela festgenommen worden. Die restlichen ADA-Kämpfer waren untergetaucht.

Vertrauen in die Polizei

Noch am Vorabend der Besetzung herrschte in der Favela, in der zwischen 150.000 und 200.000 Menschen leben, eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude. "Wir wissen nicht, ob alles gut ablaufen wird," so Antonio Ferreira de Mello, der ehemalige Präsident der Anwohner der Rocinha. "Wir hoffen jedoch, dass die Polizei mit Respekt gegenüber den Anwohnern vorgehen wird." Mit umso größerer Erleichterung nahmen die Bewohner dann am Sonntag die unblutig verlaufende Besetzung auf. Mit Handykameras filmten sie die heran rückenden Panzerfahrzeuge, die sich mühsam durch die engen Gassen der an steilen Hängen liegenden Favelas voranbewegten.

Die Bevölkerung begrüßte die Spezialkräfte freundlich. Zudem hätten die Anwohner der Polizei Tipps über Verstecke von Waffen und Drogen gegeben, so die Einsatzleitung gegenüber der Presse. Eine bisher unbekannte Menge an Drogen sowie mehrere Dutzend Schusswaffen konnten so sichergestellt werden. "Die Menschen vertrauen der Polizei," so Ferreira de Mello, "und sie erhoffen nun endlich, mit ihren Anliegen in einen Dialog mit dem Staat treten zu können."

Festnahme des Drogenboss sorgt für Unverständnis

Auf großes Unverständnis unter den Einwohnern stieß allerdings die Festnahme von Antonio Francisco Bonfim Lopes, kurz Nem genannt, der den Drogenhandel in der Rocinha seit November 2005 unter seiner Kontrolle hatte. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war Nem im Kofferraum eines Autos gefunden worden, dass aus der Rocinha kam und daraufhin festgenommen worden. In der Favela war fest damit gerechnet worden, dass Nem von korrupten Polizisten, mit denen ADA seit Jahren Geschäfte macht, rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden würde. Nach Zeitungsinformationen fürchtete Nem allerdings, von eben diesen Polizisten umgebracht zu werden und verzichtet deshalb auf deren Fluchthilfe . Zudem habe er erwägt, sich selber den Sicherheitskräften zu stellen.

In einer ersten Vernehmung äußerte Nem, dass die Hälfte der Umsätze aus Drogenverkäufen stets an korrupte Polizisten abgeführt worden war. Die Polizei hatte bereits letzte Woche fünf Polizisten bei dem Versuch festgenommen, Banditen der Drogenbande ADA aus der Rocinha zu schmuggeln. Rios Sekretär für öffentliche Sicherheit, Jose Mariano Beltrame, äußerte gegenüber der Presse, dass er sich von Nems Aussagen weitere Schläge gegen korrupte Polizeistrukturen erhoffe. Angeblich sollen dem ADA-Chef Nem im Austausch gegen Informationen Hafterleichterungen angeboten worden sein.

Bis zur WM weitere Sicherheitsmaßnahmen

Beltrame bestätigte zudem, dass die Regierung bis zur Fußball-WM weitere 21 sogenannte Befriedungstruppen einrichten will. Allerdings sei noch nicht festgelegt, welche Favelas befriedet werden würden und wann die Polizei in die entsprechenden Gebiete vorrücken werde. Derzeit hat die Polizei Probleme genügend Polizeirekruten für die permanente Besetzung der riesigen Gebiete bereit zu stellen. Mit dem Einsatz junger Polizisten soll die Korruption innerhalb der Sicherheitskräfte verringert werden.

Die Anthropologin Alba Zaluar von der Universität UNERJ begrüßte die bei der Besetzung der Rocinha angewandte Polizeitaktik als "Fortschritt" gegenüber ähnlichen Aktionen in der Vergangenheit. So sei die Führung der Drogenbande vor der Erstürmung außer Gefecht gesetzt worden und die Einwohner während der Erstürmung respektvoll behandelt worden. Ende letzten Jahres war es bei der Einnahme der Favela "Complexo do Alemao" zu gewalttätigen Übergriffen von Soldaten gegenüber Bewohnern gekommen. "Es kann keine Politik der Sicherheit geben ohne Vertrauen in die Polizei," so Zaluar. "Und ohne Respekt vor den Bürgern kann es kein Vertrauen in die Polizei geben."

Autor: Thomas Milz