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Politik erlegt grünen Hoffnungsträger

Zweistellige jährliche Zuwachsraten daheim und rosige Exportaussichten! Bis 2008 war mit Brasiliens Biospritwunder Ethanol noch alles in bester Ordnung. Bald mögen weltweit Autos den aus rasch nachwachsendem Zuckerrohr hergestellten grünen Treibstoff tanken und damit den Planeten vom CO2 ausstoßenden Benzin befreien, prophezeite Ex-Präsident Lula da Silva. Dann fand der halbstaatliche Energiekonzern Petrobras riesige Off-Shore-ölfelder, und Lula träumte nun statt vom sauberen Autofahren von endlos sprudelnden Petrodollar-Quellen. Von Biotreibstoffen redet seitdem weder Lula noch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff.

In den 70er Jahren ließen Brasiliens Militärs die ersten mit Alkohol betriebenen Autos losfahren. Heute kann man zwischen 93 "FlexFuel" Modelle von 13 Herstellern auswählen, Autos die in beliebiger Mischung Benzin und Ethanol vertragen. Doch immer seltener tanken die Brasilianer Ethanol; minus 30 Prozent in 2011! Der Biosprit ist einfach zu teuer geworden. Zwar ist Ethanol immer noch 20 Prozent günstiger als Benzin. Aber mit Ethanol verbrauchen Motoren gut ein Drittel mehr pro Kilometer als im Benzinmodus. Übersteigt der Ethanolpreis 70 Prozent des Benzinpreises, lohnt sich Biosprit nicht mehr. Und das war das ganze Jahr 2011 über so.

Benzinpreisontrolle durch die Regierung

"Das Problem ist, dass der Benzinpreis schon seit Jahren durch die Regierung kontrolliert wird, während der Ethanolpreis von der Produktion abhängt," meint Agrarexperte Roberto Rodrigues, bis 2006 Landwirtschaftsminister. Jenes 2006 war ein schwieriges Jahr für Lula, ein Korruptionsskandal hätte ihm fast das Amt gekostet, und im Oktober trat er zur Wiederwahl an. Um die angeschlagene Popularität aufzubessern und sich von der Opposition abzusetzen, die angeblich Staatsbetriebe wie Petrobras privatisieren wollte, fror Lula den Benzinpreis ein. Die Petrobras gehöre schließlich den Bürgern und damit den Autofahrern, sprach er und untersagte dem Konzern, die Preise zu erhöhen. Als Mitte 2008 das ölbarrel über 120 US$ schoss und die Petrobras den Raffineriepreis um 10 Prozent erhöhte, setze Lula kurzerhand die Benzinsteuern runter. Tankstellen, die die Preiserhöhung trotzdem an den Kunden weitergäben, seien anzuzeigen, so der Präsident.

Derweil kam es knüppeldick für die Ethanolindustrie. Die Kreditkrise von 2008/2009 brach vielen Zuckerrohrmühlen, die in der Boomphase 2005/2006 in Ethanol investierten, das Genick. Wer danach noch Lust verspürte, auf Ethanol zu wetten, kaufte die insolventen Betriebe. Investitionen in Technologie und neue Anbauflächen blieben so aus, die Produktivität brach ein. Erntete man 2008 noch 85 Tonnen Zuckerrohr pro Hektar, ist man heute bei nur 70 Tonnen angelangt. Dazu spielte das Klima in den letzten drei Jahren verrückt und drückte noch einmal die Erträge. Froh konnten jene Mühlen sein, die neben Ethanol auch Zucker produzieren können. Der hohe Weltmarktpreis entschädigte sie für das Ethanoldebakel.

Schlecht sieht es jedoch für jene aus, die nur auf den Biotreibstoff gesetzt haben. Geben sie ihre Kostensteigerungen weiter, verliert Ethanol noch mehr Tankkunden. So geht es an die ohnehin mageren Margen, was Investoren abschreckt. Ein Teufelskreis. Agrarexperte Rodrigues fordert deshalb die Politik auf, dem Sektor unter dem Postulat der Chancengleichheit zu helfen, "schließlich sind Benzin und Ethanol direkte Konkurrenten im selben Markt". Marcos Sawaya Jank hält eine Reduzierung der Steuern auf Ethanol für dringend nötig, da "durch die einseitigen Steuererleichterungen für Benzin ein mit Ethanol gefahrener Kilometer mittlerweile stärker besteuert wird als beim Benzin". Jank war von 2007 bis April diesen Jahres Präsident des Zuckerrohrverbandes UNICA. Seine große Mission war stets, den US-Automarkt für brasilianisches Ethanol zu öffnen. Das gelang ihm - im Dezember 2011 hoben die USA nach Jahre langem Instanzenringen endlich die Importstrafzölle auf. Doch der brasilianische Tigersprung in den Norden blieb aus.

Fehlgesteuerte Politik

Stattdessen importierte man 2011 gut eine Milliarde Liter aus Mais gewonnenes Ethanol aus den USA. Ein Debakel für die heimische Ethanolindustrie. Angesichts der leeren heimischen Tanks senkte die Regierung zwangsweise sogar den Ethanolanteil im Benzin von 25 auf 20 Prozent. Statt E-25 tankt Brasilien jetzt E-20. "Ein Land, das die besten Voraussetzungen der Welt hat um Zuckerrohr anzupflanzen, muss Ethanol importieren", wundert sich ein ernüchterter Marcos Jank. Wasser, Sonne und Land stünden nahezu unbegrenzt zur Verfügung, die Produktionstechnologie sei weltweit führend. "Es gibt keinerlei physische Grenzen für das Wachstum des Sektors." Doch der politische Wille fehle, so Jank, der vor einigen Wochen freiwillig das UNICA-Amt aufgab. Es könne doch nicht sein, dass Brasilien nach 40 Jahren erfolgreicher Entwicklung von Ethanolautos jetzt zum Benzinwagen zurück kehre, fragt sich Jank.

Fehlgesteuerte Politik sieht er allerdings auch im ölsektor. "Zwar produzieren wir bereits mehr öl als wir verbrauchen, und verfügen zudem über riesige Off-Shore-Vorkommen. Trotzdem verlieren wir Milliarden Dollar im ölsektor." Da Brasilien seit 1980 keine einzige Raffinerie mehr in Betrieb genommen hat, muss Petrobras das eigene öl exportieren und als Benzin- und Dieselderivate reimportieren. Handelsbilanzdefizit in 2011: 10 Milliarden US$. Zudem leidet der Konzern an der Einmischung der Politik in Managemententscheidungen. Erst entschied Lula, die Beschaffungsabteilung solle beim Einkauf von Schiffen, Plattformen und Equipment nationalistisch denken, auch wenn das wesentlich teurer sei. Und die Preisfixierung an den Tankstellen verhindert, dass Petrobras die steigenden ölkosten an die Kunden weitergibt.

Dabei benötigt Petrobras dringend frisches Kapital, um die in fünf bis acht Kilometer Tiefe liegenden Off-Shore-Schätze zu heben. Wohl 250 Milliarden Dollar wird das Abenteuer verschlingen. Doch eine Kapitalaufstockung ist derzeit unmöglich, kuriert man doch immer noch am fehlgelaufenen Börsengang von 2010. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit hatte Lula damals der Petrobras noch schnell die "größte Kapitalerhöhung der Weltgeschichte" verordnet. Er, der einfache Arbeiter, habe es den schlauen Wirtschaftsexperten und Dauerkritikern gezeigt und Historisches vollbracht, rief Lula damals auf den Wahlkampfveranstaltungen für seine Nachfolgerin Dilma Rousseff den Massen zu.

Seit dem überhasteten und überzogenen Börsengang 2010 sind die Petrobrasaktien mittlerweile um 40 Prozent eingebrochen. Staatspräsidentin Rousseff zog Anfang 2012 die Reißleine und tauschte die Konzernspitze aus. Denn Brasilien baut auf die zukünftigen ölmilliarden. So wird Rousseff als Gastgeberin des Rio+20 Gipfels in Rio de Janeiro darüber referieren, wie das Land seine sozialen Probleme mit den zukünftig kräftig sprudelnden Petrodollars lösen wird. Über das einstige grüne Lieblingskind Ethanol wird sie dagegen wohl schweigen. Das passt zur allgemeinen Gemütslage, ist die Welt derzeit sowieso eher an sprudelnden Milliardenquellen als an umweltfreundlichen Treibstoffen interessiert.

Autor: Thomas Milz