|

Poetisches Frachtgut aus Lateinamerika und Deutschland

In diesen Tagen tourt das lateinamerikanisch-deutsche Poesiefestival Latinale durchs Land. Es ist bereits die sechste Auflage der Veranstaltungsreihe, die Dichter aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas und aus Deutschland zusammenbringt. Die Latinale ist über die Jahre zu einem bedeutenden Begegnungsort für Lyriker spanischer und deutscher Sprache geworden. Hier stellen sie einander und dem Publikum ihre Verse vor.

Zum Auftakt ein literarischer Wettkampf

Gelöste Stimmung zur Eröffnung. Das Auditorium des Musikalienmuseums im Berliner Kulturforum ist gut gefüllt. Rund 70 Literaturfans wollen den ersten Auftritt der Dichter und Dichterinnen aus Lateinamerika und Deutschland mitverfolgen. Berlin ist bekannt als Stadt der literarischen Lesebühnen, auf denen kurze, bisweilen auch experimentelle Texte vorgetragen werden. Beste Voraussetzungen für den Start des diesjährigen „mobilen Poesiefestivals“, als das sich die Latinale versteht. In ein paar Tagen zieht der Dichtertross weiter nach Nordrhein-Westfalen, ehe das Festival in Mexiko seinen Abschluss findet.

Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends stehen das Kennenlernen sowie ein Gespräch über Rivalität und Miteinander im Literaturbetrieb. Es folgt eine Art sportlicher Wettkampf: Das Publikum darf die Gedichtzeilen der Latinale-Autoren zerpflücken. Einzelne Begriffe, Sprachbilder, Satzfetzen landen auf einer großformatigen Tafel. Anschließend setzen Martín Gambarotta aus Argentinien, Luis Alberto Arellano aus Mexiko sowie Jinn Pogy und Björn Kuhligk, beide aus Deutschland, dieses Rohmaterial zu neuen Texten zusammen. Vier ganz unterschiedliche Resultate, die unter großem Beifall teilweise erneut gemixt werden.

Timo Berger, selbst Lyriker und literarischer Übersetzer, der die Latinale gemeinsam mit Rike Bolte kuratiert, ist gespannt auf die Auseinandersetzungen und Workshop-Gespräche: „In der deutschen Gegenwartslyrik wird sehr viel über die Sprache nachgedacht und was es bedeutet, ein Gedicht zu schreiben. Vielleicht ist in der lateinamerikanischen Lyrik vieles immer noch stärker welthaltig und hat auch einen starken Drang, die aktuellen politischen und sozialen Gegebenheiten darzustellen. Das passiert natürlich bei der deutschen Lyrik auf viel verklausuliertere Weise, wenn überhaupt.“

Vermittlung und Übertragung von Poesie

Bestimmt werden die Teilnehmer in den kommenden Tagen Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten sowie über Anforderungen an die Übertragung ihrer Texte in andere Sprachen nachdenken. Einige Lateinamerikaner haben damit bereits Erfahrungen gesammelt. Luis Chaves aus Costa Rica weiß, dass einige seiner Gedichte auf Englisch und Italienisch vorliegen. Eine junge Übersetzerin aus Italien hat für ihre Arbeit mit Chaves´ Gedichten sogar einen Preis gewonnen. Der Lyriker ist überzeugt, dass es zum Übersetzen von Poesie einer speziellen Dynamik bedarf: „Es ist eine kreative Angelegenheit. Der Übersetzer lässt vieles von seiner eigenen Kreativität in die Übersetzung einfließen und er benutzt dafür die Ausdrucksmittel der Poesie. Also ist es am besten, wenn der Übersetzer selbst ein Dichter ist.“

Andira Watson aus Nicaragua hält den Festivalkatalog in Händen, in dem von jedem Teilnehmer zwei Texte abgedruckt sind – und zwar jeweils in der Originalsprache und in Übersetzung. Es ist das erste Mal, dass ihre Texte in deutscher Sprache erscheinen. Wie Chaves betont auch Andira Watson jene Freiheit, in deren Sinn eine Lyrikübersetzung angefertigt werden soll. Ein befreundeter Dichter aus Nordamerika habe eine Handvoll ihrer Gedichte ins Englische übersetzt und dabei den Geist der Originale beibehalten: „In meinem Fall hat das offensichtlich gut funktioniert. Meine nordamerikanischen Freunde haben verstanden, was ich ausdrücken wollte. Sie mochten die Texte. Und wenn nicht, so besitzen wir mit der Übersetzung jetzt wenigstens einen Ausgangspunkt, um über allgemeine, universelle Themen ins Gespräch zu kommen.“

Die Organisatoren haben den Begleitkatalog mit „Frachtgut Überseepoesie“ überschrieben. Das Bild des Frachtguts ist gut gewählt: Es wird von einem Kontinent zum anderen transportiert, ist einmal groß und sperrig, ein andermal handlich und leicht zu stapeln, und man weiß manchmal bis zum Moment des öffnens nicht, was sich in den einzelnen Containern verbirgt. Gefragt sind, um im Bild zu bleiben, die geeigneten Transporteure und die neugierigen, aufgeschlossenen Empfänger der Lieferung.

Text und Foto: Thomas Völkner