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Parlament prüft Entzug von Ezzatis Staatsbürgerschaft

Binnen eines Jahres ist Santiagos Kardinal von einem der populärsten Kirchenführer zu einem der meistkritisierten Prominenten des Landes geworden. Der italienischstämmige Ezzati scheint in Chile nicht mehr erwünscht.

Ezzati (Mitte) traf 2017 Salvador Sánchez Cerén (l.), Präsident von El Salvador (Presidencia El Salvador, Flickr, CC0 1.0)

Das neue Jahr beginnt für Kardinal Ricardo Ezzati mit einer weiteren Demütigung. Die Menschenrechtskommission des chilenischen Senats hat sich am Montag (Ortszeit) einstimmig für einen Entzug seiner Staatsbürgerschaft ausgesprochen. Hintergrund der Entscheidung ist der Missbrauchsskandal in der chilenischen Kirche. Das Votum des Ausschusses muss noch vom Senat selbst sowie von der Abgeordnetenkammer bestätigt werden. Schon jetzt aber ist die Entscheidung der Menschenrechtskommission eine schallende Ohrfeige für den 77-Jährigen, der binnen eines Jahres von einem der populärsten Kirchenführer des Landes zu einem der meistkritisierten Prominenten geworden ist. Praktisch bedeutet sie: Der italienischstämmige Ezzati ist in Chile nicht mehr erwünscht.

Den entsprechenden Parlamentsantrag hatten vor Monaten die linksgerichtete Senatorin Adriana Munoz und die Christdemokratin Ximena Rincon gestellt. Der Erzbischof von Santiago sei den Ansprüchen seiner Aufgabe und der chilenischen Staatsbürgerschaft nicht gerecht geworden, hieß es damals. 2006 erhielt Ezzati von der Abgeordnetenkammer wegen seiner Verdienste um die Bildung die Staatsbürgerschaft Chiles. Hinter den Kulissen wird bereits länger über seine Ablösung als Erzbischof von Santiago spekuliert - die offenbar auch daran scheitert, dass gegen mehr als ein halbes Dutzend chilenischer Bischöfe wegen Vertuschungsvorwürfen ermittelt wird oder diese bereits zurückgetreten sind. Führungspersonal ist knapp geworden.

Ezzati weist Vorwürfe zurück

Ezzati hat die Altersgrenze von 75 Jahren bereits länger überschritten, und jeder Tag im Amt scheint für den gebürtigen Italiener inzwischen eine Art Spießrutenlauf. Er selbst sieht sich zu Unrecht am Pranger, weist die Vorwürfe zurück. Doch viele Chilenen stören sich auch an seinem taktischen Verhalten. Bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft schwieg Ezzati; stattdessen ließ er einen prominenten Anwalt für sich sprechen. Die chilenische Kirche wird seit Monaten von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es mehr als 100 offene Missbrauchsfälle; auch mehrere Bischöfe sollen darin verwickelt sein. Zuletzt rückten auch die beiden Kardinäle Ezzati und Francisco Errazuriz (85) ins Zentrum der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, Missbrauchsfälle im Erzbistum Santiago vertuscht zu haben.

Die schleichende Erosion ihres Ansehens scheint kaum noch aufzuhalten. Schon vor einigen Monaten benannte die Katholische Universität aus Biobio ein Gebäude, das den Namen "Edificio Ricardo Ezzati" trug, auf Wunsch der Studenten um. Im August verzichtete Ezzati auf den Vorsitz der zentralen religiösen Feier beim Nationalfeiertag. Im Interesse eines Klimas des Vertrauens und der nationalen Eintracht habe er entschieden, die Leitung des traditionellen "Te Deum" abzutreten - eigentlich die große Bühne für den Erzbischof von Santiago. Staatspräsident Sebastian Pinera kritisierte öffentlich die Spitze der katholischen Kirche und meinte damit auch Ezzati. Ein solcher Skandal dürfe sich niemals wiederholen, sagte Pinera.

Dass Ezzati in dem Skandal keine gute Figur abgibt, verwundert. Vor gut zehn Jahren gehörte er zu jenen Bischöfen, die die Untersuchung gegen die Ordensgemeinschaft "Legionäre Christi" im Rahmen einer Apostolischen Visitation wegen Missbrauchs leiteten. Auch dort kam die ganze Wahrheit erst nach vielen Jahren ans Licht. Auch dort waren es die Opfer und die Öffentlichkeit, die den Druck erhöhten. Und schon damals wurde deutlich: Verheimlichen lässt sich in der heutigen Medienwelt kaum mehr etwas.
 

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