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Nur eine Kapsel zur Tragödie

13. September 1987: Eine Kapsel mit Cäsium 137 aus einem ausgedienten Strahlentherapiegerät verursacht einen der schlimmsten zivilen radioaktiven Unfälle der Geschichte. Vier Menschen kamen damals, vor 25 Jahren, binnen weniger Tage ums Leben, Hunderte leiden bis heute unter den Spätfolgen. Zum Jahrestag beklagen Opfer und Angehörige fehlende Unterstützung der Behörden. Anti-Atomenergie-Gruppen fordern zum Jahrestag ein Ende des brasilianischen Atomprogramms.

"Ein paar Sekunden hatte ich es in der Hand, mehr nicht." Odesson Alves Ferreira schaut auf seine noch heute dick geschwollene linke Hand, an der die Hälfte des Zeigefingers fehlt. Sein Bruder Devair hatte ihm von der magisch leuchtenden Substanz erzählt, aus der er seiner Frau ein Schmuckstück machen lassen wollte. Odesson legte sich ein reiskorngroßes Stück auf die Hand und schaute. Sofort zerfiel es zu Pulver. "Das ist zu nichts zu gebrauchen", teilte er seinem enttäuschten Bruder mit.

Kinder malten mit dem Cäsium-Pulver

Zwei Männer hatten an jenem 13. September 1987 das 120 Kilo schwere Gerät aus einer leerstehenden Klinik im zentralbrasilianischen Goiania abtransportiert und an den Schrotthändler Devair Alves Ferreira verkauft. Beim Auseinanderlegen entdeckte dieser eine kleine Kapsel mit einem seltsamen Pulver, das in der Dunkelheit blau strahlte. "Er dachte, dass er damit reich würde", erinnert sich seine Schwägerin, Lourdes das Neves. Kinder spielten mit dem Pulver, malten damit auf dem Boden. Die sechsjährige Leide ging danach in die Küche und aß - mit der ungewaschenen Hand. Wenige Tage später war sie tot.

Tausende mussten in den nächsten Wochen ärztlich betreut werden: Nachbarn, Bewohner der Stadtviertel, durch die der nichtsahnende Devair und dessen Familienangehörige die Kapsel hin- und herschleppte; Ärzte und Polizisten. Häuser mussten abgerissen, Tausende Tonnen Erdreich abgetragen werden. Das Ganze wurde in einem riesigen Erdgrab außerhalb von Goiania überdeckt und ein Park darüber errichtet. Devairs Schrottplatz wurde mit meterdick Beton versiegelt. "Niemand hier redet gern über das, was vor 25 Jahren passiert ist", berichtet Anwohnerin Sueli Lina de Moraes. Sie hat Bluthochdruck, Diabetes, Schmerzen im ganzen Körper - die typischen Symptome.

100 Menschen starben infolge des Cäsium-Kontakts

Etwa 500 Menschen leiden noch heute an den Folgen, berichtet Odesson. Er steht inzwischen einer Opfervereinigung vor. Zwar erhalten sie eine kleine Rente. Doch bereits seit Jahren sei die Versorgung mit Medikamenten ausgesetzt, sagt Odesson. Vergessen habe man sie; niemand rede gern über die "Cäsium-Menschen". Seine Töchter seien stets von Mitschülern geschnitten worden, die wissen wollten, ob ihr Papa "nachts leuchte".

Seine Familie, die einst eng zueinander stand, hat sich auseinandergelebt. Man spricht nicht mehr miteinander. Gut ein Dutzend Angehörige sind über die Jahre gestorben. Vor Kummer habe sein Bruder seine Gesundheit bis zu seinem frühen Tod systematisch ruiniert, "mit sechs Schachteln Zigaretten pro Tag". Insgesamt seien mittlerweile gut 100 Menschen gestorben, die damals Kontakt mit dem Cäsium hatten: Polizisten, Ärzte, Bauarbeiter.

Anti-Atomkraft-Proteste begleiten Gedenktag für die Opfer

Offiziell jedoch steht die Opferzahl immer noch bei vier. "Die Verbindung herzustellen zwischen der Strahlung und den oft erst Jahrzehnte später auftretenden Folgen, ist schwierig", meint Chico Whitaker, Träger des Alternativen Nobelpreises und Mitgründer des Weltsozialforums. Zum Jahrestag organisiert er gemeinsam mit Anti-Atomkraft-Gruppen Proteste.

"Das Vermächtnis des Goiania-Unfalls ist die Erkenntnis, dass eine kleine Kapsel Cäsium 137 verheerende Auswirkungen haben kann", so Whitaker: "das gleiche Cäsium, das in großem Maßstab in den Atommeilern des Landes anfällt". Derzeit baut Brasilien seinen dritten Meiler, "Angra 3", mit deutscher Technologie und eventuell sogar mit deutschen Hermes-Exportbürgschaften. Endlager fehlen.

Am 12. September werden Aktivisten bei einer Pressekonferenz das Ende der Atomenergie verlangen. Am Jahrestag selbst wird in Goiania mit einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer gedacht. Die Mutter der kleinen Leide, die damals starb, wird nicht hingehen. Zu groß sei der Schmerz, selbst nach 25 Jahren.

Quelle: KNA, Autor: Thomas Milz

Stadtansicht von Goiania. Foto: Adveniat/Pohl