Haiti |

Noch immer 600.000 Haitianer in Zelten

Eineinhalb Jahre nach dem schweren Erdbeben in Haiti leben noch immer 600.000 Menschen in Zelten. Sie täten dies nicht aus freien Stücken, wie von der Regierung und einigen NGOs immer behauptet, sondern weil sie keine bezahlbare Unterkunft fänden, ermittelte die Internationale Organisation für Migration (OIM) in einer jetzt veröffentlichten, repräsentativen Umfrage unter mehr als 15.000 Obdachlosen. 94 Prozent würden die Zelte gerne verlassen, hätten aber nicht die wirtschaftlichen Mittel, um eine Miete zu bezahlen oder ihr altes, beschädigtes Wohnhaus zu reparieren oder neu aufzubauen. Rund 80.000 Opfer konnten mittlerweile provisorische Unterkünfte beziehen, die von der internationalen Gemeinschaft errichtet wurden.

Den noch in den Zelten verbleibenden Menschen hat die Regierung je 500 Dollar zur Verfügung gestellt, damit sie die Zeltunterkünfte verlassen. Doch dies war offenbar nicht Anreiz genug: noch immer gibt es schätzungsweise tausend Zeltlager vor allem im Einzugsbereich der Hauptstadt. Während der aktuellen Regenzeit werden sie immer wieder überschwemmt oder von Stürmen zerstört. Die International Crisis Group zeigte sich ausserdem besorgt über gewaltsame Vertreibungen aus den Camps und der steigenden Kriminalität in den Slums von Port-au-Prince.

Nach Meldung der Nationalen Koordination für Ernährungssicherheit droht dem Land zudem eine Hungersnot. Trockenheit und danach schwere Unwetter hätten die Ernten beeinträchtigt, die Inflation sei ein weiteres Problem, sagte Behördenrepräsentant Gary Mathien den haitianischen Medien. „Momentan ist es für die Menschen problematisch, bezahlbare Nahrungsmittel zu finden, in einigen Monaten wird dies unmöglich sein“, sagte Mathien.

Zusätzlich befindet sich Haiti in einer politischen Blockade. Bisher gibt es noch keine Regierung, weil das Parlament die vom neuen Präsidenten Michel Martelly vorgeschlagenen Kandidaten nicht akzeptiert hat. Der Wiederaufbau ging bisher nur schleppend voran wegen Unzulänglichkeiten wie einem fehlenden Grundbuchregister sowie Uneinigkeit über die Prioritäten und mangelnder Abstimmung zwischen der Regierung, NGOs und der UN-Stabilisierungsmission Minustah. (sw)