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Nicht vom Schreibtisch aus

Wie alles begann. Vor 40 Jahren erschien das Buch Theologie der Befreiung von Gustavo Gutiérrez – eine theologische Umkehr auch für die Alte Welt.

Von der „Theologie der Befreiung“ zu sprechen, heißt zunächst, von den Basisgemeinden in Lateinamerika zu sprechen. Denn es begann nicht mit einer „Theorie“ (in diesem Fall: Theologie), sondern in der Praxis. Wenn die Basisgemeinden zusammenkamen, um in der Heiligen Schrift zu lesen und zu beten, bedachten sie auch die Frage, was das Reich Gottes, was die Nachfolge Jesu an Umkehr und an Parteinahme in den gesellschaftlichen und politischen Konflikten verlangen. Aus der Reflektion ihres Engagements erwuchs die Theologie der Befreiung.

Der Sache nach entwickelte sich die „Theologie der Befreiung“, indem lateinamerikanische Theologen (meist katholische, aber nicht nur!) die Anstöße des 2. Vatikanischen Konzils fortführten, indem sie diese auf ihre Welt, auf Lateinamerika bezogen. Als Katalysator wirkte dabei die 1964 gegründete Zeitschrift „Cristianismo y Sociedad“. 1968 legte der brasilianische presbyterianische Theologe Rubem Alves an der Princeton Universität seine Dissertation „Towards a Theology of Liberation“ vor. Auf katholischer Seite war es der Peruaner Gustavo Gutiérrez, der den Begriff „Theologie der Befreiung“ bekannt machte – insbesondere durch sein Buch Teología de la liberación. Perspectivas, das vor 40 Jahren, im Oktober 1971 in Lima publiziert wurde.

Bahnbrechenden Vortrag

Gustavo Gutiérrez, 1928 in Lima geboren, studierte zunächst Medizin, dann Philosophie, Theologie und Psychologie, u.a. in Löwen, in Lyon und an der Gregoriana. 1959 wurde er zum Priester geweiht. Seit 1960 lehrte er als Professor in seiner Heimatstadt, zunächst an der dortigen Kath. Universität die Fächer „Sozialwissenschaften und marxistische Philosophie“, später Theologie. Bei einer von Ivan Illich angeregten Tagung über „Die pastorale Tätigkeit der Kirche in Lateinamerika“ in Petrópolis (Brasilien) stellte Gustavo Gutiérrez 1964 seinen Entwurf für eine Theologie als (kritische) Reflektion der Praxis erstmals zur Diskussion.

Im Juli 1968 war er eingeladen, bei einer Studienwoche für Priester und Ordensschwestern in Chimbote (Peru) darüber zu sprechen, was von der einen Monat später beginnenden 2. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín (Kolumbien) zu erwarten sei. Gustavo Gutiérrez hielt in Chimbote einen bahnbrechenden Vortrag. Im Kern war es nichts weniger als jenes Buch, das drei Jahre später erscheinen sollte. Vom Movimiento Internacional de Estudiantes Católicos (Miec) / Juventud Estudiantil Católica Internacional (JECI), dem Verband der katholischen Schüler und Studenten, deren Geistlicher Beirat damals Gustavo Gutiérrez war, wurde sein 15-seitiges Manuskript im folgenden Jahr in der Reihe Servicio de Documentación, Serie 1 als Heft 16 unter dem Titel Hacia una teología de la liberación in Montevideo veröffentlicht.

Nicht vom Schreibtisch aus

Es ist bezeichnend (und typisch für die lateinamerikanische Theologie), dass das wegweisende Buch Theologie der Befreiung von 1971 nicht vom Schreibtisch ausging, sondern aus Kursen zur Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter erwuchs wie dem in Chimbote und aus einem Seminar in Sucre (Bolivien) 1970, bei dem Gustavo Gutiérrez mit den Teilnehmern über sein Anliegen debattierte. In Europa hingegen ist der Hauptort, an dem Theologie entsteht, nach wie vor die Universität.

Ihr neuer „Ort“ erregte Aufsehen, ebenso die neuen Methoden und neuen Themen der Theologie der Befreiung – auch in der Alten Welt. Gutiérrez’ Grundlagenwerk wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt, u.a. 1973 von Horst Goldstein ins Deutsche. Es war eine theologische Umkehr, auch als Richtungswende. Bis in die 1960er Jahre war die theologische Produktion von Europa ausgegangen (zum kleineren Teil auch aus Nordamerika). Die Kontinente des Südens übernahmen die „westliche“ (oft römische) Theologie. Mit der Theologie der Befreiung endete die theologische Einbahnstraße: Die Dritte Welt lehrte, die Erste hörte aufmerksam zu.

"Dass die Armen leben, darauf kommt es an"

Manch einer hörte bekanntlich mit Skepsis zu, wie Kardinal Joseph Ratzinger, der 1996 mit Gustavo Gutiérrez in Vallendar über dessen Werk diskutierte. Vier Jahrzehnte nach Erscheinen des Buches, das ihn, den durch und durch Bescheidenen, berühmt machen sollte, fragen jüngere Katholiken (jedenfalls die, denen der Begriff noch etwas sagt) mit einem zweifelnden Unterton: „Gibt es die Theologie der Befreiung denn noch?“ Ja, lautet die Antwort, und wie sie lebt, ist in den Rundbriefen der „Plattform Theologie der Befreiung“ auch im Internet nachzulesen (www.befreiungstheologie.net.tc).

Gustavo Gutiérrez selbst hat in seinen Vorträgen übrigens immer wieder betont, dass es keineswegs die Frage ist, ob die Theologie der Befreiung lebt oder untergeht, die ihn umtreibt. „Dass die Armen leben und nicht umkommen, darauf kommt es an!“ Wieder und wieder rückt er die Armen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte der Rede vom menschgewordenen Gott, beginnend mit der Auslegung der Gerichtsrede Jesu (Mt 25,31-46) in seiner Theologie der Befreiung von 1971 bis zu seinen Schriften über „Die historische Macht der Armen“ (1984) und „Die Armen in der Kirche“ (1977 in der Zeitschrift Concilium): lesenswert wie eh und je. Denn es ist niemand anders als der Herr des Himmels und der Erde und der Zeiten, der in den Armen uns entgegengeht.

Michael Huhn, Adveniat