Chile |

Nicht einverstanden – 100.000 Studenten protestieren

Die Regierung hat eine Steuerreform beschlossen, von der auch die Bildung profitieren soll. Doch die Studenten und Schüler sind nicht einverstanden. Am Mittwoch gingen wieder mehr als 100.000 Menschen auf die Straße. Derweil erklärt Bildungsminister Beyer, eine kostenlose Ausbildung sei „ungerecht“.

Am vergangenen Mittwoch sind in Chile erneut mehr als 100.000 Studenten und Schüler für ein besseres Bildungssystem auf die Straße gegangen. Laut lokalen Presseberichten sei es nach den Demonstrationen am 16. Mai in der Hauptstadt Santiago de Chile zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Vermummten mit der Polizei gekommen, bei denen mindestens fünf Personen verletzt worden sind. Die Proteste selbst verliefen jedoch friedlich.

Absage der Studenten an Gebühren- und Kreditsystem

Seit einem Jahr reißen die Proteste für eine kostenlose und qualitativ hochwertige Bildung in Chile nicht ab. Gabriel Boric, Vorsitzender der chilenischen Studentenvereinigung FECH erklärte gegenüber der Presse „Wir werden weiter rebellieren“ und unterstrich, man werde „keine Ruhe geben, bis sich dieses System geändert hat“, berichtet „Diario Uno“ aus Argentinien.

Die Schüler- und Studentenbewegung hat im vergangenen Jahr rund 6.000 Protestaktionen auf die Beine gestellt, davon mehrere Großdemonstrationen. Es wurden Schulen besetzt, Vorschläge erarbeitet, in den Regierungspalast getragen und der Unterricht bestreikt. Auf der Kundgebung vom vergangenen Mittwoch forderten Studentenführer erneut die Wiedereingliederung derjenigen Sekundarschüler, die wegen ihrer Teilnahme an den Protesten ihre Schule verlassen mussten.

Leichte Erhöhung der Bildungsausgaben

Die Protestierenden bekundeten auch ihre Ablehnung gegenüber einer Steuerreform der Regierung, mit der 0,3 Prozent mehr vom Bruttoinlandsprodukt für Bildung ausgegeben werden sollen: Das würde eine Erhöhung auf 2,47 Prozent bedeuten. Die Regierung will zudem die Zinsen für Bildungskredite von 6 auf 2 Prozent senken, die Zahl der Stipendien erhöhen und Studienkredite für alle möglich machen, ausgenommen die zehn Prozent reichsten Haushalte des Landes. Doch den Studentenverbänden reicht das nicht. Und auch die Unesco empfiehlt, sieben Prozent des PIB in den Bildung zu stecken.

Nach Angaben der OSZE ist ein Studium in Chile das zweit teuerste weltweit. Von den rund einer Million Studenten würde sich die Hälfte während des Studiums verschulden, erklärte Bildungsminister Harald Beyer gegenüber der Presse. 5.000 bis 6.000 US-Dollar seien, so die Linksparteien, derzeit jährlich für ein Studium nötig, so „La Nación“.

Bildungsminister bezeichnet kostenlose Bildung als „ungerecht“

Beyer erklärte zudem gegenüber der Presse, man werde den Forderungen der Studenten nicht nachgeben und an der Gebühren- und Kreditpolitik festhalten. Man habe die kostenlose Universitätsausbildung in den 1960er Jahren in Chile gehabt und deren Bilanz sei äußerst negativ, so der Minister. Eine kostenlose Universitätsbildung sei zudem „ungerecht“, da auch sie keine Einkommensunterschiede berücksichtige.

Die Studenten und Schüler hatten Ende April dieses Jahres ihre Proteste wieder aufgenommen, da sie in den Reformen der Regierung Piñera eine Fortsetzung des „Marktmodells“ im Bildungssektor sehen, das sie grundsätzlich ablehnen.

Autorin: Bettina Hoyer