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New York, die Latino-Hauptstadt der USA

Eine junge Latina im Kostüm der Freiheitsstatue. (Foto: Benjamin Beutler)
Eine junge Latina im Kostüm der Freiheitsstatue. (Foto: Benjamin Beutler)

«Frutas, Refrescos, Frutas». New Yorks Luft riecht im August wie Lima im Sommer. Heiß, stickig, süßlich-schwer. In Manhattans Steinwüste qualmt an jeder Straßenecke ein klappriger Grill-Wagen. Männer, schwitzend hinter Plastikfenstern und Servietten verkeilt, verkaufen Fleischspieße vom Kohlegrill. Die Eisfächer bis oben voll mit Cola-Dosen und Wasserflaschen. Die Dieselgeneratoren knattern mit den Klimaanlagen der Wolkenkratzer um die Wette. Der nölige Slang Mexikos, der klare Ton der Anden, das Weiche der Karibik, es scheint als spricht die halbe Stadt Spanisch. An einfachen Holztischen bieten Händler Äpfel, Bananen und Säfte an. Frisch-gelbe Mangos, mit Zitronensaft bespritzt, werden in kleine Plastiktütchen geschnitten, Einweggabel dazu, «Mango to go». Ein Umzugswagen, «Hernández Transports», biegt vom Broadway in die 41th Street. Wer will, der kann sich am Times Square mit einer Freiheitsstatue fotografieren, gegen Dollars, im Kostüm eine junge Latina.

Der Schein der Straße trügt nicht. Noch vor Los Angeles in Kalifornien ist New York die Stadt in den Vereinigten Staaten, in der die meisten Latinos leben. Knapp 2,3 Millionen «Hispanics or Latinos», so der letzte Zensus von 2010, leben am «Big Apple». Fast jeder dritte New Yorker, in der Bronx sogar jeder Zweite, ist entweder hier geboren oder Kind von Latino-Einwanderern. Nicht mitgezählt bleibt die große Zahl der Migranten ohne Papiere. Unter Trump und seiner Angstmache vor allem Fremden und Neuem droht diesem schutzlosesten Teil der New Yorker die permanente Abschiebung. Die meisten Latinos stammen aus Puerto Rico, jeder Dritte kommt aus dem verarmten US-Freistaat. Jeder Vierte ist aus der Dominikanischen Republik in den reichen Norden gezogen. 13 Prozent der Einwanderer aus dem Süden des amerikanischen Kontinents sind Mexikaner.

Latino-Zeitung als Hilfe - und das umsonst

Wer als Latino neu in New York ankommt und lesen kann, dem hilft «El Especialito». Die Wochenzeitung liegt in fast jeder der Zeitungboxen, die in Manhattan, Bronx, Queens oder auf der anderen Seite des Hudson Rivers, im Bundesstaat New Jersey auf den Fußgängerwegen stehen. Das Blatt der Hispano-Community klärt auf über die miesen Tricks von Betrügern, die unbedarften Kindermädchen Jobs gegen Einmalzahlung versprechen und dann verschwinden. Über die strengen Sanitärbestimmungen des Staates New York bei Reisen mit Hunden und Katzen. Oder Rote-Beete-Rezepte zur blutdrucksenkenden Ernährung. Und natürlich Job-Angebote. Alles auf Spanisch. Und «for free».

Längst sind die Latinos zur treibenden Kraft der US-amerikanischen Wirtschaft geworden. Nicht nur als Hausangestellte, Kindermädchen, Küchenkräfte und Putzkolonne. Die 55 Millionen Latinos, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jeden Tag zur Arbeit gehen, sie stehen für fast zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung. Einer Studie von 2015 zufolge erwirtschaften die Latinos in den Vereinigten Staaten mehr als ganze Länder wie Indien, Brasilien, Kanada oder Italien, Tendenz steigend. Die künftige Lücke auf dem Arbeitsmarkt, die durch die Rentenwelle der anglo-amerikanischen «Baby Boomers» entstehen wird, sie wird durch die jungen, arbeitswilligen, vom Mittelstand träumenden Latinos gefüllt werden, rechnen Volkswirtschaftler vor.

Arm und reich nebeneinander

Am Straßenrand der Lexington Avenue, ein paar Häuserblocks vom Central Park und seinen Prunk-Apartments mit Dachterrasse und Concierge, stapeln sich blaue und weiße Müllsäcke. Zwei Frauen, beide um die 60, beide Latinas, stehen bis zu den Knien in den Resten des Wegwerf-Wohlstandes. In ihrer blauen Kleidung, das blaue Basecap tief ins Gesicht gezogen, sind sie kaum erkennbar, gehen im Müll unter, sind unsichtbar. Sie sammeln Plastikmüll, aus Mülleimern, anderen Müllsäcken, sie sortieren. Alles geht zum Müllhändler, ein paar Dollars für säckeweise PET und Cellophan. Neben ihnen drückt sich der laute Verkehr durch die überfüllte Innenstadt. Busse für die einen, dicke SUVs und Stretch-Limousinen für die anderen. Arm neben reich, der amerikanische Traum.

Autor: Benjamin Beutler