|

Neue Dinge erfordern radikale Sprache - Narco-Literatur Teil I

Rosario Tijeras, von der der kolumbianische Pop-Sänger Juánes singt, ist eine Auftragskillerin der Drogenmafia. Der Schriftsteller Jorge Franco hat sie zum Leben erweckt: Rosario Tijeras ist die Protagonistin seines 1999 in Kolumbien erschienenen Romans Die Scherenfrau. Er spielt in Francos Heimatstadt Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, als dort in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren ein Heer von über 3.000 meist junger, gut bezahlter Mörder im Auftrag von Kokainbaron Pablo Escobar jeden aus dem Weg räumte, der Escobars Geschäften im Wege stand. Von dem 2005 verfilmten Roman wurden allein in Kolumbien 180.000 Exemplare verkauft.

Franco hatte in einer psychologischen Studie Aussagen minderjähriger Mädchen aus einem Jugendgefängnis gefunden: „Sie erzählten ganz furchtbare Geschichten, über ihr schweres Leben als Mitglieder jugendlicher Killerbanden der Drogenmafia. Und ich dachte gleich, das ist der Stoff für einen Roman“, so Franco zur Entstehung von Die Scherenfrau. Niemand hatte bis dahin die Geschichte des Drogenhandels aus der Sicht einer Frau erzählt.

Rosario Tijeras, die bis zu ihrer Ermordung eine Liebesbeziehung zu zwei jungen Männern aus der besseren Gesellschaft unterhält, aber immer wieder untertaucht, um einen Mord-Auftrag der Mafia auszuführen, ist jedoch eine fiktive Figur. Real an dem Roman, so Franco, ist nur Rosarios gesamte Umgebung sowie einige Erlebnisse der Romanfiguren, was ihre Beteiligung am Drogenhandel angeht. Es werden auch einige Geschichten über die Welt der Mafia erzählt, die damals von Mund zu Mund gingen. „Einiges habe ich auch selbst erlebt, so das Eindringen der Gewalt des Drogenhandels in unsere Gesellschaft, in unsere Kultur,“ erinnert sich Jorge Franco.

"Totgeboren in Medellín" - Meilenstein der Narco-Literatur

Mitte der Siebzigerjahre nahm der kolumbianische Kokainhandel allmählich an Fahrt auf, zehn Jahre später, nach der Ermordung des Justizministers Rodrigo Lara Bonilla 1984 durch die Mafia, begann der Drogenkrieg des Staates gegen die Kokainbarone. Zehntausende wurden erschossen. 1990 erschien dann mit Totgeboren in Medellín das erste Buch, das sich mit der Innenwelt der Mafia-Banden befasste. Ein erzählendes Sachbuch des Journalisten und späteren Bürgermeisters von Medellín, Alonso Salazar. Er hatte etliche Auftragsmörder interviewt, und ihre Zeugnisse durchaus literarisch aufgearbeitet.

Salazar verkaufte mehr als eine Viertelmillion Exemplare, er wurde in etliche Sprachen übersetzt, darunter ins Deutsche. Er konfrontierte die kolumbianische Gesellschaft und die Welt erstmals mit der Narco-Subkultur und ihrer eigenen Sprache, die später auch in Romanen wie Die Scherenfrau aufgegriffen wurde. „Totgeboren in Medellín war ein grundlegendes Buch für alle, die wir später über das Thema Drogenhandel geschrieben haben,“ so Franco.

"El cielo que perdimos" gibt Einblicke in die Welt der Killerbanden

Noch im gleichen Jahr, 1990, erschien mit El cielo que perdimos (dt. Der Himmel, den wir verloren haben) ein erster Roman, der in der Welt der Killerbanden angesiedelt war, von dem Journalisten Juan José Hoyos. Das Buch wurde jedoch nicht ins Deutsche übersetzt. International bekannt wurde dann Fernando Vallejos 1994 im Original erschienener Roman Die Madonna der Mörder. Nachdem Barbet Schroeder ihn 2000 verfilmt hatte, wurde er auch ins Deutsche übersetzt. Es geht um einen Mann, der nach langer Abwesenheit in das vom Drogenhandel beherrschte Medellín zurückkehrt, wo inzwischen niemand mehr der Welt der Drogenhändler, der Verführung durch ihre Macht, ihren Reichtum und ihre Pracht entkommt. Vallejo gibt eine detaillierte Beschreibung vom Medellín der Neunzigerjahre, einer Stadt, die sich in Folge des Zusammenlebens mit dem Drogenhandel selbst zerstörte. Damals verging keine Nacht, in der nicht Schüsse durch Medellín hallten.

Auch nach Escobars Tod laufen Drogengeschäfte weiter - im Verborgenen

Ende 1993 wurde dann Pablo Escobar von Sicherheitskräften erschossen. Zwar nahm dadurch der Drogenhandel keineswegs ab, doch Escobars Nachfolger verstehen es, ihre Geschäfte weitgehend im Verborgenen zu führen. Sie bestechen lieber, als dass sie schießen, und ihre Reichtümer genießen sie im Stillen.

In Mexiko wird bereits seit Jahrzehnten Marihuana und Mohn, der Grundstoff des Heroins, für den US-Markt angebaut, doch nach und nach übernahmen mexikanische Drogenhändler aufgrund der langen Grenze zu den USA für ihre kolumbianischen Kollegen einen Großteil des Kokain-Vertriebs in die Vereinigten Staaten. Über die Jahre wurden sie in Mexiko ebenso mächtig wie die kolumbianischen Kartelle in ihrem Land. Sie schreckten nie vor Gewalt zurück. Doch als auf Drängen der USA Mexikos Präsident Felipe Calderón nach seiner Amtsübernahme 2006 zum verschärften Drogenkrieg blies, wuchs die Zahl der kaltblütigen Killerbanden weiter. Allein in den letzten sechs Jahren sind in Mexiko mindestens 45.000 Menschen in diesem Drogenkrieg gestorben.

Fortsetzung folgt

Autorin: Eva Karnofsky