Haiti |

Nach problematischer Wahl drohen Unruhen

Puebla. Haiti stehen nach dem von Betrugsvorwürfen, Gewalt und logistischen Problemen überschattetem Wahlgang vom Sonntag unruhige Tage bevor. Am Sonntagabend erklärte der Provisorische Wahlrat – dessen Unparteilichkeit von der Opposition angezweifelt wird – den Urnengang für gültig, obwohl zwölf Bewerber Wahlbetrug anprangerten und tausende Haitianer noch am Wahltag deshalb auf die Straße gingen.

„Die Wahlurnen sind geschlossen, die Wahl ist vollendet, wir danken der Bevölkerung für die demokratische Teilnahme“, sagte der Vorsitzende des Wahlrates, Gaillot Dorsainvil, nach Schließung der Wahllokale am frühen Abend in Port-au-Prince. Auch der Chef der UN-Stabilisierungsmission (Minustah), Edmond Mulet, sprach von einem „Fest der Demokratie“ und einem „geregelten Verlauf trotz einzelner Zwischenfälle“. Dorsainvil zufolge befindet sich das Wahlmaterial in der Obhut der Minustah, weshalb Betrug auszuschließen sei. Vorwürfen zufolge ereigneten sich die Unregelmäßigkeiten allerdings schon vor der Auszählung. Ein internationaler Wahlbeobachter zeigte sich „sehr besorgt“ über die Vorkommnisse, ein anderer sprach von einem „Chaos“, offiziell lag jedoch bis Sonntagabend keine Stellungnahme der Beobachter vor.

Wahllokale öffneten mit Verzögerungen

Am Morgen war es in zahlreichen Wahllokalen wegen logistischer Probleme zunächst zu bis zu dreistündigen Verzögerungen bei der öffnung gekommen. In 56 der 1500 Wahlkreise musste der Urnengang wegen Gewalttätigkeiten annulliert werden. Wie dort weiter verfahren wird, war noch unklar. In Desdunes wurde nach Angaben des dortigen Bürgermeisters, Wesner Archelus, die ganze Nacht geschossen. Wahllokale seien geplündert worden, worauf die Minustah Blauhelmsoldaten schickte, die mit Warnschüssen und Festnahmen die Lage in den Griff bekamen.

Parteigänger des Regierungskandidaten Jude Celestin hätten den Zugang zu Wahllokalen blockiert, während vielerorts die Wahllisten unvollständig seien, denunzierten Zeugen in den lokalen Medien. Ein Reporter der Nachrichtenagentur efe sah, wie im Armenviertel Cité Soleil Rollkommandos die Wahlbüros richtiggehend überfielen und unter den verdutzten Blicken der Wahlkomitees die Urnen mit Stimmen füllten. Mehrere Menschen wurden bei gewaltsamen Zusammenstössen verletzt, zwei starben bei Tumulten in Aquin.

Ergebnis frühestens in einer Woche

Ein provisorisches Ergebnis soll nach manueller Auszählung frühestens in einer Woche vorliegen, was Verdächtigungen und Protesten weiteren Spielraum gibt. Den – allerdings nicht sehr zuverlässigen - Umfragen zufolge wird die Wahl erst in der zweiten Runde am 16. Januar entschieden, und zwar zwischen der ehemaligen Präsidentengattin Mirlande Manigat, Celestin, dem Sänger Michel Martelly und dem Unternehmer Charles-Henri Baker.

Zwölf der 17 Oppositionskandidaten warfen am Sonntagnachmittag dem Wahlrat vor, das Ergebnis zugunsten Celestins zu fälschen. Darunter auch Manigat und Martelly. Parteigänger von dessen Bündnis Inité hätten in den Wahllokalen übernachtet, einige Urnen seien bereits gefüllt aufgestellt worden, mancherorts hätten sogar Opfer des Erdbebens vom Januar „abgestimmt“, und Wähler seien eingeschüchtert worden, erklärte die Opposition, allerdings ohne Beweise vorzulegen. „Es geht nicht nur um vereinzelten Wahlbetrug, dies ist ein Skandal, ein Komplott, eine massive Entführung der Stimmen“, kritisierte Manigats Sprecher Patrice Dumond.

Demonstrationen in mehrern Städten

Nach der gemeinsamen Presseerklärung der Opposition marschierten mehrere tausend Demonstranten durch die Hauptstadt Port-au-Prince und andere Städte wie Cap Haitien, Jacmel und Saint Marc. Sie rissen Wahlplakate Celestins von den Wänden, forderten lautstark die Annullierung des Wahlgangs und den Rücktritt des unpopulären Präsidenten René Préval, in dem sie den Strippenzieher zugunsten seines Ziehsohns Celestin sehen. In der Hauptstadt wurde der Demonstrationszug angeführt von Martelly und dem populären Sänger Wyclef Jean, der vom Wahlrat erst gar nicht zum Urnengang zugelassen worden war. Angesichts der spannungsgeladenen Situation verstärkte das UN-Blauhelmkontingent sein Aufgebot vor dem Sitz des Wahlrates.

Autorin: Sandra Weiss