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"Mütter von Soacha" kämpfen für Gerechtigkeit

Luz Edilia Palacio ist entsetzt: Die Kolumbianerin zählt zu den "Müttern von Soacha", die vor über einem Jahr unter bislang nicht vollständig aufgeklärten Umständen ihre Söhne verloren. Als ob das Leid nach der Ermordung von Jader Palacio (22 Jahre) nicht genug gewesen wäre, nun muss die Mutter mit ansehen, wie die mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes ungehindert den Gerichtssaal verlassen konnten.

Am vergangenen Donnerstag waren 17 Angehörige der Armee, die nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft in die Entführung und spätere Ermordung von drei Jugendlichen und jungen Männern vor über einem Jahr verstrickt sind, aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das zuständige Gericht musste nach eigenen Angaben so entscheiden, nachdem die zulässige Höchstdauer für die Untersuchungshaft abgelaufen war, ohne dass bislang ein Verhandlungstermin festgelegt wurde. Der Fall der drei Opfer aus der bettelarmen Ortschaft Soacha unweit der Hauptstadt Bogotá hatte in Kolumbien ein großes Echo ausgelöst. Die späteren Opfer folgten im August 2008 einem Angebot eines Unbekannten, der ihnen Arbeit in einem anderen Teil des Landes anboten hatte. Nur wenige Tage später wurden ihre Leichen in Norte de Santander gefunden.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind drastisch: Die 17 Militärangehörigen, darunter drei Unteroffiziere und 14 Berufssoldaten sollen die drei Ermordeten gemeinsam verschleppt und umgebracht haben, um sie anschließend als angebliche Angehörige der marxistischen Rebellenorganisation Farc zu präsentieren. Seit über 40 Jahren befindet sich der kolumbianische Staat in einem bewaffneten Konflikt mit der Farc, die ihren Kampf gegen die Armee mit der Erpressung von Lösegeldern aus Entführungen und dem Drogenhandel finanziert. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen werden Militärangehörige für im Kampf erfolgreiche getötete Rebellen mit Sonderprämien oder Urlaubstagen belohnt. Dies führte in vergangenen immer wieder zu vermeintlichen Erfolgen der Armee, die unschuldige Zivilisten mit dem hinrichtete, die ausgelobten Prämien zu erhalten. Auf dem Höhepunkt des Skandals der sogenannten "Falsos Positivos", der gefälschten Beweise, mussten im vergangenen Jahr ranghohe Militärs ihren Hut nehmen. Der Fall der beschuldigten 17 Soldaten avancierte in den kolumbianischen Medien zum stellvertretenden Beispiel für die Praxis der außergerichtlichen Hinrichtungen der kolumbianischen Armee.

"Ich bin sehr überrascht", sagte Luz Edilia Palacio der Tageszeitung "El Espectador nach Bekanntwerden der richterlichen Anordnung. Zugleich kündigt die Mutter an, den Kampf für Gerechtigkeit nicht aufzugeben:
"Wir sind traurig, aber noch nicht besiegt". Es habe bereits in der Vergangenheit zahlreiche Versuche gegeben, die Opfer daran zu hindern, an der Aufarbeitung das Skandals teilzuhaben zu lassen. Bei einer Anhörung der beschuldigten Soldaten seien die Mütter an aufgestellten Barrieren von Armeeangehörigen gehindert worden, der Befragung persönlich beizuwohnen. Die Soldaten hätten dabei Kleidung getragen, die sie normalerweise nur in den bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Farc tragen würden.

Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und in die Armee habe sie inzwischen verloren: "Ich vertraue nicht dem Präsidenten und ich vertraue nicht der Armee, weil ich bislang nicht den Willen gesehen habe, das Verbrechen zu bestrafen." Versprechen der staatlichen Hilfsorganisation "Acción Social", den betroffenen Familien zu helfen, seien bislang nur leere Ankündigungen geblieben. Die Opfer hätten bis heute weder finanzielle noch psychologische Hilfen seitens des Staates erhalten, zudem seien ihre Anwälte den Juristen des staatlichen Apparats unterlegen. Trotzdem wollen die Mütter von Soacha nicht aufgeben: "Eines Tages wird die ganze Wahrheit ans Licht kommen." Auf ein Treffen mit Staatspräsident Alvaro Uribe wartete sie bislang vergeblich: "Der Herr Präsident hat keine Zeit für uns."

Autor: Tobias Käufer, Bogotá