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Morddrohungen gegen Amazonas-Umweltschützer

Der brasilianische Umweltschützer Raimundo Francisco Belmiro dos Santos hat nach neuen Morddrohungen die Behörden um Schutz für sich und seine Familie gebeten. Nach Aussagen des Aktivisten drängt die Zeit, denn die Großgrundbesitzer im nördlichen Bundesstaat Pará hätten ein Kopfgeld in Höhe von umgerechnet 50.000 US-Dollar auf ihn ausgesetzt.

Belmiro dos Santos ist ein ´seringueiro´, wie die Kautschukzapfer in Brasilien genannt werden. "Mein Leben ist sehr kompliziert geworden, denn man trachtet mir nach dem Leben. Ich soll noch vor Jahresende ermordet werden", berichtete er aus der Amazonasreservation Riozinho do Anfrísio, 800 Kilometer von der Pará-Hauptstadt Belém entfernt. "Ohne Schutz bin ich geliefert."

Auf den Hilferuf von Belmiro dos Santos hat die Staatsanwaltschaft von Pará mit der Ankündigung reagiert, die Vorwürfe polizeilich untersuchen zu lassen. Wie aus einer offiziellen Mitteilung von Staatsanwalt Cláudio Terre do Amaral hervorgeht, wurden die Sicherheitskräfte angewiesen, vom Chico-Mendes-Institut zum Schutz der Artenvielfalt (ICMBio) alle relevanten Dokumente anzufordern.

Die letzte Morddrohung erhielt Belmiro dos Santos am 7. August. Wie er berichtete, hatte ihm ein Unbekannter mitgeteilt, dass bezahlte Killer bereits unterwegs seien, um ihn zu töten, und er besser für immer aus dem Gebiet verschwinden soll. Dazu ist der Umweltschützer jedoch nicht bereit. Er hat sich inzwischen mehrmals mit Mitgliedern der ICMBio getroffen, einem staatlichen Organismus, der Schutzprojekte durchsetzt und Einsätze der Umweltpolizei in Naturschutzgebieten koordiniert.

In 30 Jahren Hunderte von Morden

Die Sorge von Belmiro dos Santos ist angesichts der verbreiteten Gewalt im Zusammenhang mit Landkonflikten in Pará berechtigt. Im Mai wurde dort das Ehepaar José Cláudio Ribeiro da Silva und Maria do Espírito Santo nahe der Ortschaft Nova Ipixuna ermordet. Auch sie hatten sich gegen den Holzeinschlag in ihrer Region gestellt und vor ihrer Ermordung Drohungen erhalten. Nach Angaben der katholischen Kommission für Landpastoral wurden seit den 1980er Jahren landesweit hunderte Menschen im Zusammenhang mit Landstreitigkeiten ermordet.

Zu den bekanntesten Fällen gehört der Auftragsmord an der damals 73-jährigen US-Ordensfrau Dorothy Stang 2005 und das Massaker in Eldorado de Carajás, das Polizisten 1996 im Süden des Bundesstaates an demonstrierenden Bauern verübten. Dem Umweltschützer Marcelo Salazar zufolge kommen zu diesen Verbrechen noch unzählige hinzu, von deren Opfern man nie etwas erfahren werde.

Die ersten Morddrohungen erhielt Belmiro dos Santos 2004, kurz nachdem die damalige Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2011) per Dekret ein 736.000 Hektar großes Gebiet in der Region Terra do Meio, zwischen dem Xingú und seinem Zufluss Iriri im Südwesten des Bundesstaates Pará gelegen, zur Reservation Riozinho do Anfrísio erklärte.

Die damalige Umweltministerin Marina Silva ließ den Aktivisten und seinen Onkel Herculano Porto de Oliveira schon einmal aus Sicherheitsgründen aus dem Gebiet ausfliegen. Sie ließ inzwischen über Twitter wissen, dass sie sich bei der Regierung von Staatspräsidentin Dilma Roussef für den erneuten Schutz des Aktivisten einsetzen werde.

Vielfältige Interessen

Die Kautschukbauern von Riozinho do Anfrísio sind den lokalen Großgrundbesitzern, Viehzüchtern und Holzunternehmen, die sich oftmals mit gefälschten Dokumenten den Zugriff auf die Amazonasressourcen sichern, ein Dorn im Auge.

Landraub wird im brasilianischen Amazonas-Urwald im großen Stil betrieben und die Nutznießer sind in der Regel diejenigen, die für den Kahlschlag im Amazonas verantwortlich sind. In der Reservation Riozinho spielen auch andere Interessen wie Bodenspekulation, der Handel mit Edelhölzern und Geldwäsche eine Rolle.

Die in Riozinho beheimateten Familien seien für den Schutz der lokalen Wälder besonders wichtig, meinte Marcelo Salazar vom nichtstaatlichen Sozioökologischen Institut, das die Bevölkerung in den Reservationen von Terra do Meio unterstützt. Auch wenn es sich nur um einige wenige Familien handele, erwiesen sie dem Schutz der Natur und der Artenvielfalt einen Bärendienst. Dadurch gerieten sie in die Schusslinie derjenigen, die auf den Raubbau an der Natur im großen Stil aus seien.

Fabíola Ortiz, IPS-Weltblick