|

Mitglied des Sinaloa-Kartells bringt USA in Schwierigkeiten

Die jüngsten Äußerungen eines in den USA festgenommenen Angehörigen des mexikanischen Sinaloa-Kartells werfen ein Schlaglicht auf die zweifelhaften Beziehungen Washingtons zu der Drogenmafia des lateinamerikanischen Landes und die Ineffizienz US-amerikanischer Geheimdiensteinsätze im US-Grenzgebiet zu Mexiko.

Ende der ersten Augustwoche sagte Jesús Vicente Zambada-Niebla, Sohn des mexikanischen Drogenbarons Ismael ´El Mayo´ Zambada García, vor einem US-Bundesgericht aus, dass ihm die USA grünes Licht für den Schmuggel von Drogen nach Chicago und in den Rest der USA gegeben hätten. Dafür sollte er die US-Behörden über die Aktivitäten anderer mexikanischer Rauschgiftkartelle auf dem Laufenden halten.

In den Deal verstrickt waren nach Angaben von Zambada-Niebla das US-Justizministerium und die ihm unterstellten Behörden wie die Drogenkontrollagentur DEA. Auch der US-Geheimdienst FBI soll in das Geschäft verwickelt gewesen sein. Die Vorwürfe wurden von den US-Medien bislang weitgehend ignoriert.

Wertvoller Informant

Ende 2009 war Zambada-Niebla in Mexiko-Stadt festgenommen und an die USA ausgeliefert worden. Ihm wird angelastet, den Transport riesiger Mengen Kokain auf dem Land-, Wasser- und Luftweg von Mexiko in die USA organisiert zu haben. Nach Aussagen des Journalisten Bill Conroy, der als erster über die Verbindung zwischen der US-Regierung und dem mexikanischen Drogenring berichtet hatte, diente Zambada-Niebla den USA nach eigenen Angaben als wertvoller Informant. Auch sei die Zusammenarbeit mit dem Drogendealer Teil eines Abkommens zwischen der DEA und dem harten Kern des Sinaloa-Kartells gewesen.

Warnungen und Waffenlieferungen

Als Gegenleistung für Informationen über mexikanische Rauschgiftbanden habe man dem Sinaloa-Kartell versprochen, es rechtzeitig zu warnen, sollte es zur Zielscheibe neuer US-amerikanischer oder mexikanischer Ermittlungen werden, so Conroy. Die Absprache sei zudem ohne das Wissen der mexikanischen Behörden getroffen worden. Rund 40.000 Tote hat der von den USA unterstützte mexikanische Krieg gegen das organisierte Verbrechen gefordert.

Anfang Mai hatte Conroy die Zahlen, die das US-Außenamt in seinem jüngsten Bericht über seine Militärausgaben im Haushaltsjahr 2008/2009 veröffentlicht hatte, unter die Lupe genommen. Dabei stellte er fest, dass mexikanischen Unternehmen über US-Firmen 177 Millionen US-Dollar für Computerschutzprogramme zugeflossen sind. Auch erhielt Mexiko von seinem nördlichen Nachbarn Waffen im Wert von 204 Millionen Dollar.

Lange Geschichte der Korruption

Nicht zum ersten Mal wird den US-Drogenbehörden vorgeworfen, mit der Rauschgiftmafia verbandelt zu sein. Offiziellen Angaben und Aussagen von Zeugen der Iran-Contras-Affäre (´Irangate´) zufolge gehen die Beziehungen auf die 1980er Jahre zurück. Die Iran-Contras-Äffäre ist ein Skandal, der durch illegale Waffengeschäfte mit dem Iran zur Finanzierung der rechten nicaraguanischen Contras ausgelöst wurde, die in dem zentralamerikanischen Land einen Krieg gegen die sandinistische Regierung (1981-1986) von Staatspräsident Daniel Ortega führten.

1990 erstellten die DEA-Mitarbeiter Wayne Schmidt und Hector Berrelez einen geheimen Bericht, der Bezug auf den Mord des mexikanischen Journalisten Manuel Buendía 1984 nahm. Buendía, ein in Mexiko bekannter Kommentator, hatte sich in Besitz von Informationen befunden, wonach ein vermeintliches Trainingslager der "guatemaltekischen Guerilla" im südostmexikanischen Bundesstaat Veracruz in Wahrheit zur Ausbildung von Kämpfern zur Unterstützung der nicaraguanischen Contras diente.

"Der CIA hatte, um an Gelder für die Contras zu kommen, Beziehungen zum Medellín-Kartell und mittelgroßen mexikanischen Drogenkartellen hergestellt, die erst dank dieser Verbindung groß werden konnten", erklärte die mexikanische Journalistin Anabel Hernández, die den Bestseller ´Los señores del narco´ (´Die Drogenbarone´) geschrieben hat.

1977 wurden Miguel Caro Quintero, Ernesto Fonseca und Miguel Félix Gallardo, die Anführer des Guadalajara-Drogenrings, dem Honduraner Ramón Mata Ballesteros vorgestellt, der beste Beziehungen zur kolumbianischen Rauschgiftmafia unterhielt. Sie begannen gemeinsam Drogen aus Südamerika in die USA zu schmuggeln. Wenige Jahre später stiegen die mexikanischen Drogenhändler in das Geschäft ein, und das Kartell von Guadalajara begann damit, kolumbianisches Kokain in Umlauf zu bringen.

Millionen von Drogenzar Escobar

Ein Teil der Drogengelder wurde für den Kauf von iranischen Waffen und militärischem Equipment und zur Auslösung von im Iran und im Libanon inhaftierten US-Gefangenen verwendet. Pablo Escobar, der 1993 von einer US-kolumbianischen Eliteeinheit erschossen werden sollte, ließ den nicaraguanischen Contras zehn Millionen Dollar zukommen.

Im Bericht des sogenannten Kerry-Ausschusses kommt der demokratische US-Senator John Kerry 1989 zu dem Schluss, dass die Drogenmafia die Contras mit Flugzeugen, Waffen, Bargeld und logistischer Hilfe unterstützte. Im Jahr zuvor hatte der US-Pilot Theodore Cash während einer Gerichtsverhandlung im US-amerikanischen Los Angeles ausgesagt, dass er selbst zehn Jahre lang Flugzeuge für den CIA geflogen habe, aus denen Waffen für die Contras abgeworfen worden seien.

Caro Quintero und Fonseca sitzen seit 1985 für den Mord an dem DEA-Agenten Enrique ´Kiky´ Camarena hinter Gittern. Félix Gallardo wurde 1989 festgenommen. Seit dem gleichen Jahr sitzt Mata Ballestros in einem US-Gefängnis ein.

Nicht zur Rechenschaft gezogen

Die an den dunklen Machenschaften beteiligten US-Amerikaner seien nie strafrechtlich belangt worden, kritisierte Hernández. Die US-Regierung sollte ihrer Meinung nach formell Stellung zu den Anschuldigungen beziehen, die Zambada-Niebla diesen Monat vorgebracht habe.

Auch dem Journalisten Conroy zufolge, der sich auf CIA-Quellen beruft, wurden die in Irangate verwickelten US-Amerikaner nie zur Rechenschaft gezogen. Dabei bestehe der einzige Unterschied zwischen der Iran-Contras-Affäre und den von Washington unterstützten Kriegen gegen die mexikanische Drogenmafia darin, dass die Hintergründe im ersten Fall politischer und im zweiten Fall wirtschaftlich-finanzieller Natur gewesen seien.

Das Guadalajara-Kartell war der Vorläufer des Sinaloa-Kartells, das von Joaquín ´El Chapo´ Guzmán geführt wird, den die DEA als den mächtigsten Drogenbaron der Geschichte bezeichnet hat. Seit dem Tod von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden im Mai befindet sich der 2001 aus einem Hochsicherheitsgefängnis entflohene Guzmán auf der FBI-Liste der meistgesuchten Personen. Die Zeitschrift ´Forbes´ nahm ihn in die Riege der mächtigsten Personen der Welt auf.

´Fast and Furious´-Programm mit Todesfolge

Das Gerichtsverfahren gegen Zambada-Niebla wirft auch ein negatives Licht auf eine umstrittene Operation des US-Alkohol-, Tabak- und Feuerwaffenbüros (ATF) mit dem Namen ´Fast and Furious´ (´Schnell und wütend´). Im Rahmen dieser Operation wurden ab 2008 fast 2.500 Feuerwaffen einschließlich Hunderter AK-47-Sturmgewehre heimlich an Waffenhändler verkauft. Ein Großteil der Waffen ´verschwand´ im US-mexikanischen Grenzgebiet und dürfte sich inzwischen in den Händen der gefährlichsten Verbrecher Mexikos befinden.

Laura Carlsen, Leiterin des Amerika-Programms des Zentrums für internationale Politik mit Sitz in Mexiko-Stadt, informierte Ende letzten Jahres, dass sich die Spur einiger Waffen sogar bis zum Mord an dem US-Grenzbeamten Brian Terry im letzten Jahr zurückverfolgen lasse. Zambada-Niebla schätzt die Zahl der Mexikaner einschließlich der Sicherheitskräfte des Bundesstaates Sinaloa, die der ATF-Operation ihren Tod verdanken, auf 3.000.

Emilio Godoy und Kanya D´Almeida, IPS-Weltblickhttp://www.ipsnews.de/news/news.php?key1=2011-08-15%2014:34:41&key2=1