Brasilien |

Mit Trippelschritten zu mehr Selbstbewusstsein

In der heutigen Dominkanischen Republik brach am 23. August 1791 ein Sklavenaufstand aus, der zur Abschaffung des Sklavenhandels beitrug. Die Vereinten Nationen wählten das Datum deshalb für den Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung aus. Noch heute wird die afrikanisch-stämmige Bevölkerung diskriminiert, Beispiel: Brasilien.

Nur wenige Ausländer verirren sich hierher in den brasilianischen Norden. Aber die Innenstadt von São Luís ist ein architektonisches Kleinod mit ihren gepflasterten Straßen, schattigen Plätzen und gekachelten Kolonialhäusern. Gegründet 1612 von den Franzosen stieg die Inselhauptstadt des Bundesstaates Maranhão dank Zuckerrohr, Kakao und Baumwolle bald zur drittwichtigsten Brasiliens auf. So häufig die Kolonialherren auch wechselten, so unverzichtbar blieben bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Sklaven für die lokale Wirtschaft. Sie bewirtschafteten die Plantagen, sie bauten die Häuser, sie brachten ihre Musik, ihre Religion und ihre Feste mit.

In São Luís, das mit seiner Reggae-Musik ein eher karibisches als südamerikanisches Flair ausstrahlt, ist die Bevölkerungsmehrheit schwarz. Doch betritt man das Parlament, so scheint sich in den vergangenen 500 Jahren wenig geändert zu haben: die politische Macht liegt in der Hand einiger weniger, hellhäutiger Familien. So modern sich Brasilien gerne gibt – in Sachen Gleichberechtigung herrscht noch viel Nachholbedarf.

Slaverei erst spät abgeschafft

Seit der Kolonialzeit weist das Land eine strukturelle Ungleichheit zwischen der weißen, indigenen und der afrobrasilianischen Bevölkerung auf. Brasilien war das letzte Land der westlichen Welt, das 1888 die Sklaverei abschaffte. Ohne Ausbildung, ohne Entschädigung, ohne Startkapital wurden die aus Afrika stammenden Männer und Frauen und ihre Nachkommen in die Freiheit entlassen. Heute sind knapp 40 Prozent der Brasilianer afrobrasilianisch, 67 Prozent leben in Armut.

Wer farbig ist, hat es nicht leicht, weshalb sich viele Brasilianer lieber als „Mischlinge“ bezeichnen und dafür schmucke Beiwörter wie „milchkaffeebraun“ erfinden. Zu Martha Bispo, Tochter eines Afrobrasilianers und einer Weißen, würde das eigentlich bestens passen. Aber die 50-Jährige mit den dunklen Locken bezeichnet sich selbst als „schwarz“ und verweist stolz auf das Erbe der afrikanisch-stämmigen Sklaven. Als sie klein war, wurde ihr beschieden, sie solle sich keine Hoffnungen auf ein Studium machen, das sei den Weißen vorbehalten. Doch Martha ließ nicht locker, machte den Schulabschluss, wurde Lehrerin und konnte schließlich dank eines Stipendiums der katholischen Hilfsorganisation Adveniat auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studieren.

Ungleiche Studenten

Doch noch immer studieren nur 6,1 Prozent der Afrobrasilianer unter 25 Jahren. Als Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva 2008 Quoten für dunkelhäutige Studenten einführte, versuchte das Regionalparlament die Vorschrift zu umgehen. Die Studenten an der Staatlichen Universität sind bis heute zum Großteil ebenso hell wie die Abgeordneten.

Bildung, Geschichtskenntnis und ein kritischer Geist sind für Martha Bispo wichtige Grundlagen für ein neues, afrobrasilianisches Selbstbewusstsein. Deshalb ist die engagierte Laienmitarbeiterin noch immer viel unterwegs in Sachen Gleichberechtigung. In der Favela João de Deus hat sie zusammen mit den Anwohnern geteerte Straßen erkämpft, einen Strom- und Wasseranschluss erstritten und die Kirche gebaut. In Vila Embratel ein Jugendzentrum mit aufgebaut, wo 200 Kinder im Alter von 10 bis 18 Jahren betreut werden. Heute führt eine Gruppe Jungs und Mädchen Capoeira vor, den als Tanz getarnten Kampfsport der Sklaven. „Das ist die Kultur, die wir Schwarzen Brasilien geschenkt haben“, sagt die 14-jährige Thais im Anschluss. Martha ist gerührt. „Es ist ein steiniger, langer Weg, aber wir sind schon vorangekommen“, sagt sie.

Autorin: Sandra Weiss