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Mit Mund- und Personenschutz: Wie Corona das Leben von Aktivisten in Kolumbien gefährdet

In Kolumbien nehmen die Morde an Aktivisten trotz Corona kein Ende - im Gegenteil, die "líderes sociales" werden durch die Pandemie-Beschränkungen zu einfachen Zielen für bewaffnete Banden. Die Verbrechen gegen sie steigen. 

In der Region Cauca in Kolumbien sind die Aktivisten während Corona besonders gefährdet (Archivbild: Militärs in Cauca). Foto: Jürgen Escher/Adveniat 

Es ist in diesen Tagen nicht einfach, Clemencia Carabalí für ein Gespräch zu erreichen. Mal hat sie in den bergigen Regionen des Departements Cauca keinen Empfang, mal steckt sie in Besprechungen. Die kolumbianische Menschenrechtsaktivistin ist trotz der Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie viel unterwegs. Mehr als ihr lieb ist. Sie wechselt häufig den Aufenthaltsort, ist mal bei Freunden, mal bei Verwandten, nur selten zu Hause. „Da bin ich doch noch eine bessere Zielscheibe“, sagt sie trocken. 

Pandemie-Zeiten in Kolumbien sind tödliche Zeiten besonders für Aktivisten der Zivilgesellschaft. Mehr als das Coronavirus fürchten Menschen wie Clemencia Carabalí Drohungen, Überfälle und Mordanschläge. Daher sind die meisten von ihnen nicht nur mit Mund-, sondern auch mit Personenschutz unterwegs. 

Aktivisten sind während Corona in Kolumbien leichte Ziele 

Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen in dem südamerikanischen Land am 28. März sind nach Zählungen des Instituts für Friedensforschung (INDEPAZ) bereits 25 „Líderes sociales“ ermordet worden. Als „soziale Führer“ werden in Kolumbien Frauen und Männer zusammengefasst, die gegen illegalen Bergbau, Kokaplantagen und Landraub kämpfen, die Interessen der Ureinwohner oder, wie im Fall von Carabalí, die Rechte der Afrokolumbianerinnen vertreten. Nach einer Erhebung des Thinktanks „Stiftung Ideen für den Frieden“ (FIP) stiegen Verbrechen gegen die Líderes in den ersten vier Monaten des Jahres um 53 Prozent. Zufall ist das nicht. Denn durch die Corona-Ausgangsbeschränkungen sind die meisten Aktivisten leichte Ziele. Und die Täter nutzen das weidlich aus. 

Die Líderes erheben ihre Stimme immer wieder gegen bewaffnete Gruppen, die in ganz Kolumbien illegalen Aktivitäten nachgehen – und sich dabei nur ungerne stören lassen. „Es sind ultra-rechte Paramilitärs, gewöhnliche Kriminelle, kolumbianische und mexikanische Drogenkartelle, von Unternehmern bezahlte Pistoleros und manchmal auch die ELN-Linksrebellen oder zunehmend auch Dissidenten der aufgelösten FARC-Rebellen“, sagt Carabalí. „Es hängt immer davon ab, wer gerade wo das Sagen hat und welcher verbotenen Aktivität nachgeht.“  

Die Farc gingen, die Gewalt bleibt 

Oftmals sind die Probleme genau dort groß, wo die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) besonders stark waren und nach dem Abschluss des historischen Friedensprozesses Mitte 2016 ihre Stellungen geräumt und sich entwaffnet haben. Zurück blieb eine Art Niemandsland. „Der Staat ist bis heute seinen Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag nicht nachgekommen“, kritisiert Aktivistin Carabalí. „Er hat diese Territorien nicht wie zugesagt mit Polizei, Schulen und Gesundheitsposten besetzt.“ Das Vakuum füllten stattdessen die illegalen Gruppen. 

Wie eine Blaupause steht dafür das strategisch gelegene Departement Cauca im Südwesten des Landes. Die bergige und grüne Provinz ist eine der Ursprungsregionen der Rebellen. Experten schätzen, dass die Farc phasenweise in mindestens 40 Prozent des Cauca vertreten war. Das Departement ist nicht nur reich an Mineralien, Wasser und Kohle, sondern zugleich eines der größten Kokaanbaugebiete Kolumbiens und ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum: Hier bündeln sich nahezu alle Probleme des Landes wie unter einem Brennglas: Illegaler Bergbau, Drogenanbau und -schmuggel, Landraub, Vertreibung. Kolumbien ist nach wie vor größter Produzent der Kokapflanze und stellt 70 Prozent des globalen Kokains her. Der expansiven Anbaupolitik müssen Ureinwohner- oder Afro-Gemeinden oft unter dem Druck der Kartelle weichen. 

Und es ist nicht der Staat, sondern es sind Menschen wie Carabalí, die dagegen aufbegehren und das oftmals mit dem Leben bezahlen. Die 48-Jährige hat mehr als ein Dutzend Todesdrohungen erhalten. Vor gut einem Jahr überlebten sie und andere national bekannte Menschen- und Bürgerrechtler einen Anschlag während eines Treffens unverletzt. Bewaffnete feuerten aus Maschinengewehren und warfen Granaten auf die Gruppe. 

Für die meisten Aktivisten der Zivilgesellschaft hat die weltweit gefeierte Unterzeichnung des FARC-Friedensvertrages vor vier Jahren die Gefahr und das Leid nur erhört. Für sie ist der Frieden gefährlicher als es der Bürgerkrieg jemals war. Rund 400 Líderes haben ihren Mut seit Unterzeichnung des Abkommens mit dem Leben bezahlt. 

Menschenrechtler kritisieren Duque 

Ende Februar kritisierte ein Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, dass die Situation der Zivilgesellschaft-Aktivisten heute schlechter sei als im Jahre 2014. Die Regierung unternehme zu wenig, um die „Líderes“ zu schützen. Der rechte Präsident Iván Duque reagierte heftig. Er wies alle Vorwürfe zurück und warf den Vereinten Nationen „Einmischung in die Souveränität Kolumbiens“ vor. 

Ariel Ávila, Vize-Direktor der Stiftung „Frieden und Aussöhnung" (Pares), kennt diese feindliche Einstellung des Präsidenten. Der Staat habe keinerlei Plan, um die „Massaker zu stoppen“, unterstreicht Ávila. Wenn man zu den Morden noch die Entführungen, Anschläge und Drohungen hinzuzähle, dann werde alle zwei Tage ein Aktivist Opfer in Kolumbien. „In vielen Gegenden des Landes geht die Demokratie langsam zugrunde. Es ist so, als würde sie verbluten“.

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