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Mit "der Bestie" unterwegs für Migrantenrechte

Am 23. Juli haben sie sich auf den Weg gemacht: Menschenrechtsverteidiger, soziale Aktivisten, Migranten und Familienangehörige von verschwundenen oder ermordeten Migranten. Die Karawane „Paso a paso por la paz“, zu Deutsch etwa: Schritt für Schritt hin zum Frieden, bewegt sich Richtung Mexiko-Stadt. Die Teilnehmer starteten in El Salvador, Guatemala, Honduras und Mexiko und sie reisen auf den gefährlichen „Routen der Migranten". Mit ihrer Aktion wollen sie die Politik auffordern, für die Einhaltung der Menschenrechte von Migranten zu sorgen.

Aufgerufen zu dieser Aktion hat die Bewegung Mittelamerikanischer Migranten (MMM), doch getragen wird sie von einem breiten Bündnis. So beteiligen sich auch die Staatsanwaltschaft für Menschenrechte Guatemalas und die guatemaltekische katholische Pastorale für menschliche Mobilität an der Karawane. Die Leiter der Migrantenherbergen und Menschenrechtsverteidiger Alejandro Solalinde, Luis Ángel Nieto und Heyman Vázquez sind mit dabei.

Die Beteiligten wollen mit der zweiten derartigen Karawane, bei der sie die Migranten auf ihren Routen begleiten und auch mit dem „die Bestie“ genannten Zug Richtung Norden fahren, auf die prekäre Menschenrechtssituation von Transitmigranten bei ihrem Weg in die USA aufmerksam machen. Diese werden immer wieder Opfer von Entführungen, Mord und Erpressung.

Jährlich 150.000 Migranten ohne Papiere

Nach einem Sonderbericht der halbstaatlichen mexikanischen Menschenrechtskommission CNDH vom April diesen Jahres, müssen Migranten gerade an den üblichen Routen auf dem Weg in die USA damit rechnen, Opfer von Übergriffen zu werden. Aus dem Bericht geht hervor, dass die Mehrzahl der betroffenen Orte „direkt an der Route des Zuges liegt, den diese bei ihrer Durchreise in Richtung der Vereinigten Staaten nehmen“.

Zwischen 1.000 und 4.000 Kilometer legen die Migranten bis zu ihrem Zielort zurück, je nachdem ob sie die Route über Tamaulipas (im Nordosten) oder über Baja California (im Nordwesten) nehmen. Jährlich versuchten etwa 150.000 Personen aus Zentralamerika, ohne Papiere in die USA zu migrieren, so die CNDH. Der Zug, der auch "die Bestie" genannt wird und auf den die Migranten aufspringen, ist eine zusätzliche Quelle von Verletzungen.

Zwischen dem 1. und 14. April 2011 wurden im Bezirk San Fernando im Bundesstaat Taumalipas 145 Leichen gefunden. Vergangenes Jahr hatte der Fund von 72 nicht-identifizierten Überresten von Mittel- und Südamerikanern in Taumalipas für großes Aufsehen gesorgt. Die Regierung macht für die Morde das Kartell „Los Zetas“ verantwortlich.

„Mexiko ist ein Migrantenfriedhof“

Deutliche Worte für die Situation fand Marta Sánchez, mexikanische Koordinatorin von MMM und Mitorganisatorin der Karawane, am vergangenen Mittwoch im Interview mit der Nachrichtenagentur Telesur.

Die Lage von Migranten in Mexiko sei „eine nationale Schande“. Die Behörden ignorierten die Anzeigen von Menschenrechtsverletzungen an Migranten. „Mexiko ist ein Migrantenfriedhof“ geworden, beklagte die Menschenrechtsverteidigerin. Sie kritisierte zudem die mexikanische Regierung, die statt bei der Lösungssuche zu helfen eher darauf aus sei, die Fakten unter den Tisch zu kehren und Anzeigen zu verhindern. Die Straftaten gegen Migranten reichten „vom Klauen der Schuhe bis zu Entführung und Mord“, so Sánchez. Etwa 80 Prozent der Migrantinnen ohne Papiere würden sexuell missbraucht.

Schwierige Arbeit der Menschenrechtsverteidiger

Die Karawane erreichte am 26. Juli die Migrantenherberge in Ixtepec (Chiapas). Erst vor wenigen Tagen war dort der Menschenrechtsverteidiger Cristóbal Sánchez von Angehörigen der Migrationsbehörde INM verhaftet und geschlagen worden, nachdem er Mitarbeiter der INM bei einem Einsatz gefilmt hatte. Derartige Vorkommnisse seien keine Seltenheit, die Karawane sei bisher jedoch noch nicht von den Behörden behindert worden, so die Organisatoren.

Für Migranten und Aktivisten ist auch die Bedrohung durch die organisierte Kriminalität alltäglich. Pater Solalinde, der die Migrantenherberge in Ixtepec seit 2005 leitet, erklärte gegenüber der lokalen Presse, dass kriminelle Banden wie die Zetas in den Migranten ein eine "Heer von Reservisten" sähen, die durch Erpressung leicht zu Straftaten gezwungen werden könnten.

Am 30. Juli wird die Karawane in Tierra Blanca (Bundesstaat Veracruz) mit dem Sonderbotschafter für Migration der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Felipe González, zusammenkommen. Danach werden die Aktivisten über Puebla nach Mexiko-Stadt weiterreisen, wo am 1. August eine Abschlusskundgebung und ein Treffen mit Mitarbeitern der gesetzgebenden Kommission geplant sind.

Autorin: Bettina Hoyer