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Mit dem Glauben zum Sieg

Noch nie in der Geschichte der Weltmeisterschaften habe Brasilien eine derart “gläubige” Mannschaft gehabt, schrieben Brasiliens Zeitungen über die Seleção. Und zwar mit durchaus gemischten Gefühlen. Munkelt man doch, dass die Glaubenszugehörigkeit ein Kriterium für die Berufung gewesen sein soll. Zwar halten sich Katholiken, Spiritisten und Anhänger der evangelikalen Pfingstkirchen zahlenmäßig in etwa die Waage. Aber vor allem die Vertreter der Pfingstkirchen stellen ihren Glauben offen zur Schau.

Acht der 23 nach Südafrika berufenen Spieler gehören der Vereinigung “Athleten für Christus” an, die von Co-Trainer Jorginho präsidiert wird. In ihr haben sich die Pfingstkirchler während ihres Aufenthaltes bei der Seleção zusammengeschlossen. Ihr gehören die wichtigsten Spieler der Elf an, allen voran Spielmacher Kaká von Real Madrid, der Stürmer Nummer Eins Luís Fabiano und Kapitän Lúcio. Zum evangelikalen Flügel gehören noch Dribbelkünstler Robinho, der Ex-Leverkusener Juan, Luisão, Gilberto Silva, Felipe Melo, Daniel Alves und der Wolfsburger Josué.

Als Kaká und Luís Fabiano verletzt zur WM-Vorbereitung anreisten, schickte ihnen der Gründer der Renascer-Pfingstkirche, Estevam Hernandes, kurzerhand einen virtuellen Genesungswunsch via Twitter. “Gott segne Euch reich und gewähre Euch eine schnelle Heilung”, so die Worte des Kirchengründers, der den beiden abschließend noch “Siege im Namen Jesus” wünschte. Kaká und Luís Fabiano sind Mitglieder der Renascer-Kirche, die in den letzten Jahren aufgrund von Ermittlungen der Staatsanwaltschaften gegen ihr Gründerehepaar Hernandes in die Schlagzeilen geriet. Die beiden Fußballer hatten bereits am Tage ihrer Berufung in den WM-Kader via Twitter Gott hierfür gedankt.

Kaká trägt normalerweise zudem stets ein T-Shirt mit der Aufschrift “I belong to Jesus” unter seinem Trikot, und auch andere Spieler enthüllen beim Torjubel oder direkt nach dem Spiel derartige Botschaften. In Südafrika sind solche T-Shirts verboten, da die FIFA jegliche politische oder religiöse Botschaft aus dem globalen Ereignis WM verbannen will. Auch die für die brasilianische Seleção üblichen Gebete vor und nach dem Spiel sind nicht zugelassen. Szenen wie nach dem Finalsieg 2002 gegen Deutschland oder nach dem brasilianischen Sieg beim Konföderationen-Cup letztes Jahr in Südafrika wird es also nicht geben. Damals knieten die Spieler am Mittelkreis nieder und beteten gemeinsam.

Für Kapitän Lúcio ist das Gebetsverbot übrigens kein Problem. “Wir müssen das zuallererst einmal respektieren. Aber ich glaube dass uns Gott eine (andere) Möglichkeit auf dem Platz geben wird damit wir seine Liebe bezeugen können,” so der Verteidiger, der nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn Prediger werden will.

Sein Vorbild ist Pastor Anselmo Reichardt, der seit 2002 die evangelikalen Spieler der Seleção betreut und auch in Südafrika dabei ist. Bei der Copa America 2007 soll er die brasilianischen Spieler vor dem Endspiel gegen Argentinien mit der Geschichte von David und Goliath eingestimmt haben. Mit Erfolg: „David“ Brasilien fertigte die bis dahin überragenden Argentinier 3:0 ab.

Während Coach Carlos Dunga zu alldem schweigt, kritisierte Delegationsleiter Andrés Sánchez als einziger den religiösen (Über)Eifer mancher Kicker. “Sie wollen morgens beten, nachmittags und am Abend, und das stört die Arbeit der Gruppe,” so Sánchez. Dem widersprach Rodrigo Paiva, der Pressechef der Seleção. Es gäbe Vertreter aller möglichen Religionen in der Mannschaft, so Paiva, und “alle haben hier im Trainingslager sehr diskret ihren Glaube praktiziert.” Bleibt abzuwarten inwieweit die Gebete bei der WM erhört werden.

Foto: Thomas Milz